Salkantay-Trek

Nach unserem kleinen Cuzco-Schock waren wir froh, schnell von der Stadt auf den Trail zu kommen. Per Colectivo (14 Personen, Größe VW Sharan) ging es mit Rennfahrer-Ambitionen nach Mollepata, von wo aus wir uns den Weitertransport erhofften. Dort angekommen wurde uns mitgeteilt, dass es diesen nur morgens gibt – also Hospedaje statt Zelt. Das leitende Pärchen war alt und schrullig und der Aufenthalt war dann doch nicht so langweilig wie befürchtet.

Der erste Wandertag begann mit einer 10-km-Fahrt. Wir hätten auch laufen können, aber Schotterstraße ist dann doch etwas langweilig. Außerdem gingen wir den überwiegenden Teil des Tages noch auf eben dieser, was wir jedoch nicht wussten, da die Straße recht neu war. Überhaupt ist das Gebiet zum Laufen nicht mehr optimal. Die letzten zwei, drei Jahre wurden überall Straßen reingebaut und das nimmt manchmal doch etwas die Lust. Ein weiterer Minuspunkt: Als Alternative zum überlaufenen und teuren Inka-Trail sollte der Salkantay-Trek eher leer sein. Trotzdem fanden wir uns in einer lärmenden Horde aus 50, 60 rucksacklosen Ausflüglern mitsamt dutzenden von schwer beladenen Packeseln und Maultieren wieder. Ich habe gewisse Aversionen gegen diese Leute… wenigstens den eigenen Rucksack sollte man vier, fünf Tage tragen können. Und wenn schon nicht das, dann wäre es wenigstens angebracht, sich in den Bergen nicht wie der letzte Depp zu benehmen und etwas weniger rumzuschreien. Aber naja. Vielleicht sehe ich das ja auch etwas zu eng. Haha, wenn wir grade dabei sind… es wird ja oft erzählt, man wird auf längeren Reisen toleranter. Bei mir läuft es eher andersrum: Je länger ich unterwegs bin und je mehr Leute ich sehe, desto öfter fasse ich mir an den Kopf. Anders ausgedrückt: Der Zynismus steigt proportional zur Reiselänge und mit der Zeit wundern mich die absurdesten Begleiterscheinungen nicht mehr.

Bei dem Bericht fasse mich kurz: Es war die zehnte Tour für uns und wahrscheinlich der etwa 500ste Wanderkilometer, wir waren bis Aguas Calientes fünf reine Lauf-Tage unterwegs und haben von 2000 Meter bis 4700 Meter einige Klimazonen durchwandert. Es war schon sehr schön, aber langsam tritt ein gewissen Abnutzungseffekt ein. Ich schreibe glaube ich auch immer das gleiche, also lasse ich es diesmal. Ansonsten zählt für den Trek leider das gleiche wie für Cuzco, wenn gleich auch auf niedrigerem Level. Es war ein Kultur-Trek, unberührte Natur konnte man im großen und ganzen Knicken. Das war interessant, aber manchmal auch nervig. Von Aguas Calientes aus ging es für uns noch nach Machu Picchu hoch, aber das bekommt einen Extra-Bericht in einigen Tagen.

Soweit dazu. Viel Spaß bei den Bildern.


kleine Maisernte in Mollepata


der namensgebende Salkantay…


…und seine monumentale Südwand (entspricht unseren Nordwänden)!


halb acht im ersten Camp


oben am 4700er Pass


Abstieg in den peruanischen Nebelwald (‘cloud forest’)… überhaupt waren Wolken ein steter Begleiter und ein großartiger Landschaftsgestalter


die dritte Nacht verbrachten wir im Dorf… Elektrizität = mindestens drei verschiedene Musik-Beschallungen gleichzeitig


das Highlight war die Verköstigung: abends gab es fünf Ei-Kartoffel-Zwiebel-Knoblauch-Tomaten-Topf und morgens bekamen wir die Reste des Geburtstagskuchens, den der Koch einer organisierten Tour für eine Teilnehmerin gemacht hat. Wir haben bestimmt mehr davon gegessen als das Geburtstagskind. Der Saft ist übrigens aufgekochte Milch mit Quinoa.


Subtropen = vieeeel Vegetation


15 Zentimeter Tausendfüßler


und zu guter letzt: Nasenbären! Es raschelte im Gebüsch, und ein Bärchen nach dem anderen rannte auf die andere Seite… insgesamt etwa zwanzig Stück.


Da kommt euer Kaffee her…


…hier wird er geschält, gesiebt und gewaschen…


…und hier wird er getrocknet. Ein Kaffeebauer hat sich die Zeit genommen, es uns zu erklären. Die Schalen werden von ihm als biologischer Dünger genutzt und er hat eine Ausbeute von 1.500 kg Kaffee auf 12 Hektar Land. Das ganze geht dann zu einer Kooperative und wird von dieser vermarktet (und landet am Ende wahrscheinlich als Bio-Kaffee in Europa oder den USA).


Da ist es: Machu Picchu von ganz weitem…


… und von etwas weniger weitem


die letzten 10 km führten an den Schienen entlang. Wir hätten auch fahren können, dann hätten wir jedoch 30€ gezahlt [...] und hätten die Nasenbären verpasst. Und die überwucherten Zugteile, die neben der Strecke lagen.


das Tal kurz vor Aguas Calientes. Schöne Landschaft, teilweise hat man hunderte Meter hohe Felswände neben sich. Beeindruckend, was die Inkas da alles reingebaut haben.

Grade sind wir wieder in Cuzco. Cora nutzt die letzten Tage hier, um sich die Umgebung anzuschauen, während ich mir faule Tage mache und durch die Stadt schlendere. Sehr amüsant heute. Auf dem Hauptplatz, dem Plaza de Armas, durften die städtischen Polizei/Militärpolizei/Aufstandsbekämpfungs/Prügel-Einheiten nacheinander im Stechschritt paradieren. Ein Platz weiter machten die örtlichen Kommunisten/Gewerkschaften/sonstige das gleiche, nur mit mehr Feuerwerk. Zwischen Polizei und Kommunisten zogen etliche kleine kirchliche Prozessionen mit Kreuzen, Bannern und Heiligenbildern umher. Und rundherum gab es das volle Verköstigungsprogramm, von frittiertem Meerschweinchen über Zuckerrohr bis zu Gebäck. Köstlich, ich habe mich bestens amüsiert. Passend, dass in Erlangen der Berg anfängt. Wobei ich definitiv lieber in Cuzco bin…

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Läster- und Bilderstunde

Cuzco ist großer Mist. So, jetzt ist es raus. Warum Cuzco großer Mist ist? Also, unter anderem deshalb, weil man nach seiner Ankunft am Busterminal um sechs Uhr morgens von einer Traube Taxifahrer umringt wird, die sich wie die Fliegen um die Scheiße scharen. Und vielleicht auch, weil man mit der falschen Hautfarbe (Gringo!) absurde Fantasiepreise gegen den Kopf geschmissen bekommt. Und sicherlich auch, weil in dieser Stadt der Tourismus idiotische Blüten getrieben hat und man geschätzte 75 Mal am Tag angesprochen wird, ob man irgendeine Scheiße kaufen möchte (Wasserfarbengemälde, Gras, Sonnenbrillen, gleich nochmal Sonnenbrillen, wieder Gras, Kaugummis, Mittagessen, Zugtickets, was weiß ich). Sicherlich haben meine Aversionen gegen die Stadt auch damit zu tun, dass man sich de facto nichts anschauen kann, ohne ein Boleto Turistico für 40 Euro zu lösen. Mit dem man dann aber immer noch nicht alles anschauen kann, dann kommen die einzelnen Kirchen zwischen ein paar Soles und 5€/Besichtigung. Schade, dass der gesamte Kulturbetrieb kapitalisiert wurde. Nicht, dass ich es generell schlecht machen möchte, wenn eine Stadt versucht, darüber Geld zu generieren. Nur ist es etwas frustrierend, wenn dabei mehrere Tagesbudgets draufgehen. Ebenso ist es frustrierend, dass diese Mengen an Geld dazu führen, dass ich mich das erste Mal auf der gesamten Reise wie ein laufender Dollar-Springbrunnen fühlte. Was auf der anderen Seite nachzuvollziehen ist bei Leuten, die mal schnell 150€ für Macchu Picchu und den Zug von dort ausgeben können (was die absolut billigste Variante wäre – ohne Bus auf der Hälfte der Strecke und Laufe auf dem Hinweg wäre das doppelt soviel.
Schade eigentlich, die Stadt selber schaut schön aus. Nur wird man eben angesteuert sobald man irgendwo stehen bleibt und interessiert schaut. Wie Blutegel, die einen wittern… außer, dass man Blutegel mit Salz wieder los wird (: Am ungünstigsten ist es, wenn man ausversehen einen Blick erwidert… dann hilft nur noch weglaufen.

Da Peru für uns kein gutes Pflaster ist (hier hab ich mich auch das erste Mal unsicher gefühlt), gehen wir jetzt auf den Trail und schauen, dass wir danach schnell wieder nach Bolivien kommen.
Morgen fahren wir (hoffentlich! auch das gestaltet sich komplizierter als bisher) nach Mollepatta und noch ein paar Kilometer darüber hinaus und laufen dann die 80 oder 90 Kilometer bis Augas Calientes, dem Ort unter Macchu Picchu. Ich möchte fast wetten, dass der Trail cooler wird als das Ziel. Aber mal abwarten.

Jetzt kommen noch ein paar Bilder aus Arequipa und Cuzco – viel Spaß. In zehn Tagen gibt es dann den Trail-Bericht.


Kirche I / Arequipa


Kirche II


die alte Bibliothek von Recoleta…


… und (mal wieder) Mumien im prä-spanischen Museum


knapp tausend Jahre alte Keramiken – die können mich echt begeistern…


Blick auf Arequipas Zentrum…


…und auf den nahende Taxi-Infarkt


der Vulkan Misti – knapp 6000 Meter hoch und sehr beeindruckend, wenn man seine Flanken zwischen den Straßen hindurch sieht


was ist gelb und schmeckt nicht? Inka-Cola! Wobei Cora durchaus angetan von ihr war.


die historische Altstadt von Cuzco von oben…


…und von unten (hat lange gedauert, bis keine Autos mehr im Weg waren)


Marktzeit! Unmengen an Obst, darunter lauter Sachen, die wir noch nie gesehen haben. Nach dem Trek beginnt die Verköstigung. Maracuja und eine unbekannte grüne, pappsüße Frucht hatten wir schon.


Violetter Mais – die verschiedenen Maisarten hier sind großartig. Der violette wird unter anderem für sehr stark gesüßte Getränke benutzt… in La Paz wird er mit weißen Mais-Saft vermischt und dazu gibt es Pastel, das ist frittierter Teig mit Käsefüllung, auf den man Puderzucker streut. Schmeckt wahrscheinlich besser als es klingt :D


Lecker getrockneter Frosch…


… und lecker Hühnchenbeine

So, und zum Abschluss noch ein Nachtrag… hat etwas gedauert, aber jetzt ist das Isla-del-sol-Panorama fertig und kann bei Interesse HIER groß angeschaut werden:

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La Paz nach Arequipa und ein Goodbye

Es gibt viel zu berichten – und mangels Gelegenheit wieder keine Bilder.

Zunächst das von mir heiß ersehnte Derby von Bolivar gegen The Strongest. Wer keine Lust auf Fussballberichte hat, kann den Block ja überspringen.
Bolivar und The Strongest sind wahrscheinlich die zwei beliebtesten Vereine Boliviens und dementsprechend waren die Titelseiten vor dem Spiel dem Derby gewidmet. Wir hatten uns die Eintrittskarte bereits nachmittags geholt, nachdem wir am Stadion waren und ich zugeben musste, mich bei der Anstoßzeit um viereinhalb Stunden geirrt zu haben… Das Derby startete wie erwartet, jedoch nicht wie erhofft. Als wir grade in den Innenbereich zum Stadion gingen, gab es draußen die ersten Schlägereien, Jagdszenen und entweder Tränengas oder Pfefferspray. Großartig, die dritte Halbzeit schon vor dem Anpfiff. Dieser wurde dann eine gute Stunde später gebührend gefeiert: Es krachte, Raketen stiegen auf, bengalische Feuer brannten und das Stadion wurde in eine riesige gelb-blau-graue Rauchwolke gehüllt. Was für eine Pyroshow! Dafür war die Stimmung während dem Spiel zwar immer mal wieder gut, aber insgesamt war es doch ruhiger als erwartet. Nicht unbedingt Bundesliga-Zustände, außer man wohnt in Hoffenheim oder Wolfsburg. Das Spiel war nicht so grottig wie die letzten beiden, trotzdem war es arm an Höhepunkten. In der ersten Hälfte fiel das 1:0 für The Strongest und in der zweiten spielte Bolivar nur noch zu zehnt – damit ist eigentlich alles erzählt. Wenn auch nicht sportlich relevant, so stach nur noch ein unschönes Ereignis heraus. Die kleinen Sprengkörper, die eigentlich in die Luft geschossen werden und dort explodieren, landeten in der zweiten Hälfte sicher nicht unabsichtlich neben dem Torhüter von Bolivar. Der sah das natürlich nicht kommen und die Explosion kurz neben ihm ließ ihn zu Boden gehen – kein Wunder bei der Sprengkraft der hiesigen Feuerwerkskörper. Insgesamt wurde er zehn Minuten behandelt, was dazu führte, dass Fernsehteams und Presse auf das Spielfeld rannten und die Polizei diese in Kampfmontur wieder zurück drängen musste. Das Spiel wurde nicht abgebrochen, der Keeper stand wieder auf und küsste theatralisch sein Vereinsemblem… damit dürfte für die nächsten Jahre wieder genug Rivalität hergestellt sein.
Nach dem Spiel kam es trotz Riot-Polizei mit Maschinengewehren im Anschlag wieder zu Ausschreitungen, uns war das egal, wir kamen relativ gut weg. Fussball in Südamerika, ein Riesenspaß. Ich freu mich aufs nächste Spiel.

Den Sonntag nach dem Derby wollten wir eigentlich mit einer Tagestour im Palca-Canyon verbringen. Daraus wurde nichts, nachdem wir erfuhren, dass das Syndikat des Transporte Publico eine Blockade plante. Von was? Na, von ganz Bolivien… wenn schon, denn schon. Grund dafür ist ein neues Gesetz für den öffentlichen Nahverkehr und wohl auch die Tatsache, dass die steigenden Spritpreise nicht durch erhöhte Fahrpreise ausgeglichen wurden. Kurzum: Unsere für Montag geplante Abfahrt nach Desaguadero – die Grenze zu Peru – musste somit ausfallen oder schon Sonntag statt finden. Ersteres kam für uns nicht in Frage, da die Blockaden auf zwei Tage angesetzt wurden, aber durchaus verlängert werden könnten. 28 Stunden haben wir ja bereits in einer verbracht, das musste also nicht nochmal sein. Gleichzeitig mussten aber die Käufer von unserem Wagen mit, konnten aber erst ab sechs Uhr abends, da sie noch auf Tour waren. Um halb sieben ist es hier dunkel. Jetzt sind die Landstraßen im Dunkeln bereits schrecklich, wie muss El Alto, der obere (eigentlich selbstständige) Teil von La Paz erst sein? Wir einigten uns darauf, bis Laja vorzufahren und dort auf das Taxi mit den beiden zu warten. Das war die absolut richtige Entscheidung! Wir brauchten für zehn Kilometer El Alto etwa eine Stunde, sind ständig Stop-and-Go gefahren, mussten dutzende Male bremsen, weil uns ohne zu blinken jemand direkt vors Auto gefahren ist, sind auf dreispurigen Straßen in… naja, auf jeden Fall mehr Spuren gefahren, haben meine Nerven von über die Fahrbahn rennenden Personen ruinieren lassen und zur Krönung ist uns noch schön jemand hinten reingefahren. Wenigstens war das nicht so schlimm, wer gewinnt wohl, der mehr als 3,5 Tonnen schwere, massive Benz oder so ein popeliger Geländewagen? Der Fahrer hätte das aber auch wissen sollen, vor allem als es schon knirschte… keine gute Idee, dann nochmal aufs Gas zu drücken. Ein wenig Plastik bei uns, deutlich mehr Auto bei ihm. Ha! Selber schuld.
Wenn man den Huayna Potosi mit seinen 6088 Metern besteigt, bekommt man ein Shirt, auf dem das steht… ich hätte gerne eins mit “I survived El Alto”.

Von Laja zur Grenze waren es nochmal 90 Kilometer, die weniger anstrengend waren als befürchtet. Den Fernlichtfetisch kennen wir jetzt ja und es fuhren kaum LKWs. Den Schlusspunkt unserer 15960 Kilometer langen Autoreise setzten dann die bolivianischen Beamten, die an der Einfahrt zu Desaguadero eine ominöse “Registrierungsgebühr” von 20 Bolivianos haben wollten. Aber was solls, das war nicht mehr der geeignete Zeitpunkt zum reklamieren. Wir verbrachten eine unruhige Nacht in der unfassbar hässlichen Grenzstadt, wissend, dass der nächste Tag eventuell eine ziemliche Rumgeschacherei mit dem peruanischen Zoll bringen würde. Immerhin reisten wir aus Bolivien mit unseren Zollpapieren aus, während die anderen beiden in Peru unter ihrem Namen mit dem Wagen einreisen mussten.
Auf die Hintergründe gehe ich nicht näher ein – nur soviel, Peru ist schon so eine Bananenrepublik. Wir haben eine spanische, absolut unoffizielle Übersetzung aller relevanter Zollsachen – statt Autopapieren haben sie sich die geschnappt. Eine halbe Stunde später war alles vorbei, wir waren nicht mehr die auf dem Papier vermerkten Besitzer und sind somit ‘frei’ vom Auto – endlich. Wir hatten eine sehr schöne Zeit, aber hier in Peru und Bolivien wäre es uns mehr Hindernis als Hilfe, von den >4000km zurück mal abgesehen. Von Desaguadero aus nahmen wir den ersten Bus nach Arequipa und kamen abends an – mit dem Auto wären wir 2-3 Tage unterwegs gewesen. Trotzdem, ein wenig trauere ich unserer alten Dame nach. Fast 404.000km und sie fährt und fährt und fährt…

haha, noch eine kleine Geschichte zum Schluss, jetzt kann ich es ja erzählen: So ganz unfallfrei waren wir auch nicht, nur ist weniger kaputt gegangen. In Ushuaia waren wir Autobatterie kaufen, es fing an zu regnen und wir waren von allem ziemlich genervt und wollten nur weg. Schnell zum Auto gerannt, gestartet, Rückwärtsgang eingelegt und in die vermeintlich leere Straße zurückgesetzt – bis ich von einem krachendem Geräusch aufgeschreckt wurde. Scheiße. Rausgegangen: Wir steckten in einem neuen Golf. Und das ist wörtlich gemeint! Hinten hat der Bus ein Tritt aus Metall, der etwa 30 Zentimeter lang ist und damals zum Großteil in diesem Golf steckte. Blöderweise ist der Wagen so klein, dass ich ihn im Spiegel nicht gesehen habe. Nachdem sich die erste Panik legte, versuchten wir den Besitzer zu finden – nichts zu machen. Also gingen wir zurück in den Batterieladen und meinten, wir hätten einen Unfall gehabt und bräuchten Hilfe. Einer der Angestellten kam mit raus, begutachtete das ganze und ließ mich dann langsam nach vorne fahren. Knacks, Splitter… dann waren wir draußen. Und dann? Naja, einfach weiterfahren, so macht man das hier in Argentinien. Bitte was? Er erläuterte uns dann, dass ja nichts passiert war und nur ein paar Plastiklamellen kaputt und das Nummernschild verbogen waren – was er schnell zurecht bog. Damit war es seiner Meinung nach getan, denn es war ja nichts wichtiges kaputt. Wir waren uns da nicht so sicher und schrieben noch eine Nachricht mit der Bitte, dass der Besitzer sich melden möge, falls wir den Schaden begleichen sollen… bis heute ist nichts gekommen. Glück gehabt, denn jeder andere Golf (und fast jedes andere Auto) hat auf der Höhe keine Plastiklamellen, die man von außen nicht mal sieht, sondern eine Menge Metall.

In Arequipa angekommen ließen wir uns in das nächstbeste Hostel fahren, das auch ganz nett und mit etwa 10€/Nacht bezahlbar ist. Die Stadt ist sehr schön, allerdings auch sehr teuer. Ebenso Cuzco, die Stadt wird für uns glaube ich zur ‘No-Go-Area’, da alles absurd teuer ist. Ein paar Euro für die Kirche, ein paar Euro für das nächste historische Gebäude… das zieht sich dann durch das ganze Zentrum durch. Wenn wir wollten, könnten wir in Peru problemlos einige hundert Euro an Eintrittsgeldern lassen. Da hilft nur eins: Rauf auf den Trail und dann schnell zurück nach Bolivien. Schade eigentlich, denn interessant ist es hier. Arequipa ist eine angenehm helle, fast schon durchdachte Stadt. Bis zum beginnenden 20. Jahrhundert muss es hier sowas wie Stadtplanung gegeben haben. Davon ist in den Suburbs nichts mehr übrig, aber die Innenstadt ist schön anzusehen. Etwas irritierend sind nur die Scharen von Minitaxis, die die Straßen verstopfen. In La Paz fuhren immer Collectivos, die bestimmte Strecken bedienten und für 15 Leute Platz boten.

Wir sind grade im Bus auf dem Weg nach Cuzco, WIFI inklusive. Die paar Bilder von Arequipa kommen später… zusammen mit Eindrücken aus Cuzco.

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Isla del Sol & Choro-Trail

Seit dem letzten Eintrag ist etwas Zeit vergangen, die wir für zwei kürzere Touren genutzt haben. Wir sind immer noch in La Paz, hoffen aber, dass Montag mit dem Auto alles über die Bühne geht und wir endlich nach Arequipa in Peru kommen.

Zunächst fuhren wir, nach über einer Woche La Paz, nach Copacabana – am Titicaca-See. Die Fahrt dorthin war schon großartig, die gesamte Cordillera hinter La Paz war sichtbar und nach zwei Stunden Fahrt kam schon das tiefe Blau des riesigen Sees zum Vorschein. Insgesamt dauerte es trotzdem vier Stunden für die 160 Kilometer bis Copacabana, unter anderem, weil der See gequert werden musste. Dort angekommen holten wir uns gleich Bootstickets für die Überfahrt zur Isla del Sol. Die Wartezeit verbrachten wir etwas angewidert von Cobacabana, was für ein Touristen-Ghetto! Ich frage mich, wie man sich dabei wohl fühlen kann. Überall Schlepper, die einen in ihr Hostel oder Restaurant reinziehen wollen und statt einheimischer Küche gibts vor allem überteuerte Pancakes und Pizzas. Uargs… kein Ort zum bleiben. Nach eineinhalb Stunden Bootsfahrt kamen wir auf der Isla del Sol an. Der See liegt auf fast 4000 Metern und bietet eine der wenigen Gelegenheiten, gleichzeitig höhen- und seekrank zu werden. Auf der Insel setzte sich das nervige Geschleppe fort. Vom Hafen ging es eine halbe Stunde hoch bis zum Gipfelkamm und alle zwei Minuten durfte man jemandem erklären, dass man weder Unterkunft noch Essen noch Souvenirs braucht. Sogar die Kinder sind voll mit dabei. Die ersten Worte sind hier wahrscheinlich nicht “Mama” oder “Papa” sondern “Habitacion?”. Wir wählten dann die Unterkunft, bei der wir nicht gefragt wurden und waren sehr glücklich damit, da wir eine großartige Aussicht genossen und das Zimmer durch Fenster auf drei Seiten lichtdurchflutet war. Und da wir keine sieben Euro für Pizza ausgeben wollten, gab es mal wieder Fertigreis… grauenhaft. Aber kostet nur ein Zehntel.


Fahrzeugtransport über den See


Blick aus dem Fenster


die Range (Illami oder Illampu, auf jeden Fall knapp 6500m hoch) über dem See

Am Folgetag stand die Umrundung der Insel auf dem Programm. Wurden wir zunächst durch die Sonne geweckt, verdunkelte eine fast durchgehende Wolkendecke die Sonneninsel. Der Titicaca-See ist von einem unglaublichen blau – solange die Sonne scheint, denn sonst ist er eher grau. Im Laufe des Tages wurde es etwas besser, aber trotzdem war die Wanderung etwas langweilig. Die wenigen Ruinen sparten wir uns dann auch… wenn ich Ruinen sehen will, fahr ich in die Fränkische. Außerdem kommen wir noch nach Cusco, da wird es genug zu sehen geben. Am Ende waren wir auch erschreckend fertig von den 17 Kilometern. Schön war immerhin die zweite Hälfte des Tages, als es durch bewohnte Gebiete ging und wir mehr vom Inselleben mitbekamen.
Der dritte Tag verging dann mit Abstieg, eineinhalb Stunden schaukelndem Boot, vier Stunden Bus und Tagesausklang in La Paz, wo wir freudigerweise wieder auf Christian und Nana stießen, die kurz zuvor vom Choro-Trail zurück gekommen sind und uns ein wenig berichten konnten.


terassierter Ackerbau


der Hippie-Strand…


am nächsten Morgen: Traumwetter

Zum Choro-Trail muss ich ein wenig auf die geographische Beschaffenheit eingehen. Von Westen und Süden bis nach La Paz herrscht mehr oder weniger flache Altiplano-Landschaft vor, während sich vor allem im Norden die Cordillera mit ihren sechstausendern erhebt. Hinter der Cordillera, weiter im Norden und Osten, fällt das Land dann in zerklüfteten Schluchten steil ab und geht in die Yungas über – am besten charakterisierbar vielleicht durch die Bezeichnung “tropischer Bergwald”. Die Yungas sind der Übergang vom Altiplano zum tropischen Tiefland. Der Choro-Trail verbindet nun die Cordillera mit den Yungas, d.h. der Weg führt über einen 4850 Meter hohen Pass und endet zwei Tage später auf 1300 Metern. Jede Menge bergab also, insbesondere durch viele kleine Gegenanstiege. Der Trail verläuft durch mehrere Klimazones und hat daher landschaftlich einiges zu bieten, wovon wir uns selber überzeugen wollten. Gleichzeitig ist das Wetter in den Yungas tendenziell eher schlechter als in La Paz, und dort war es noch immer durchwachsen. So hatten wir am ersten Tag auch noch zuviele Wolken, die über den Pass zogen, um unser ursprüngliches Nebenziel, den Cerro Satorno, 5006 Meter hoch, anzupeilen. Es wäre schon machbar gewesen, da es einer der Hochlauf-5000er ist, aber keine Aussicht, kein Interesse. Also begaben wir uns vom Pass, auf den wir eine gute Stunde brauchten (auf der Höhe wird das schon sehr anstrengend), schnell hinab ins Tal. Der Trail ist ein alter Inka-Weg und daher bestens ausgebaut und stellenweise breit gepflastert. Nach gefühlten etlichen Stunden Nebelwanderung und 1600 Hm Abstieg landeten wir in Challa’pampa, einem Dorf, das aus einer Hängebrücke, ein paar Baracken und fünf Menschen bestand.


Der Blick vom Pass zurück…


… und nach vorne…


…sowie ins Tal nach einer halben Stunde Abstieg


Autobahn-Trail


Paarungszeit!

Der nächste Tag brachte etwas besseres Wetter und wir bekamen sogar ein paar Sonnenstrahlen ab. Auf dem Programm standen wieder über 1600 Höhenmeter Abstieg, mit jedem Meter nahm die Vegetation zu und ehe wir uns versahen, waren wir auf einem dünnen Trail, der von grün umwuchert wurde. Die kommenden Stunden wurden wir von zahllosen Blüten und Schmetterlingen begleitet, letztere teilweise handgroß. Was für ein Kontrast zum kargen Hochland! Überhaupt, die Yungas sind wunderschön, überall grünt es. Kaffeebäume, Cocasträucher, wilde Bananen, Papayabäume, Physalissträucher, hanfartige Gewächse, wilde Rosen, Weihnachtssterne…
Über Stock, Stein und einige größere Flüsse, vorbei an Wasserfällen und tiefen Abhängen folgte der Weg dem Tal. Die süßliche Schwere des Bergwaldes machte das Laufen nicht grade unanstrengender und am späten Nachmittag hatten wir keine Lust mehr. Diesmal schlugen wir das Zelt auf einer kleinen Ebene auf, die dazugehörigen Baracken waren diesmal verlassen… Hochsaison kommt erst.


der zweite Tag… Challa’pampa


einer der vielen kleinen Wasserfälle


es grünt


allerbeste Infrastruktur (:


Pausenplatz in Sicht…


…inklusive Pausenbespaßung


30-Sekunden-Nachtaufnahme

Nach fünf Stunden erreichten wir dann Chairo, von wo aus wir uns nach Coroico kutschieren ließen. Theoretisch hätten wir die 12 Kilometer auch laufen können, aber zum einen waren wir richtig platt, zum anderen war meine Laune am Tiefpunkt angekommen. Zwei Tage zuvor hat die Halbformatkamera den Geist aufgegeben und bei der versuchten Reparatur musste ich auch feststellen, dass der Belichtungsmesser halb kaputt ist. Kurz vor Chairo machte dann auch die Weltax schlapp, sodass Mittelformat damit gelaufen ist… und ich mich mit dem Gedanken anfreunden muss, dass eventuell alle vierzig Rollen Film hinüber sind. Hurra… ich bereue es bitter, nicht meine zwei Kilo schwere Bronica mitgenommen zu haben.

Wie auch immer, der Abend in Coroico war recht gemütlich und auch der nächste Morgen. Von dem kleinen Dorf aus führt eine Straße zu drei großen Wasserfällen, unter denen man baden kann, genau das richtige bei schwüler Tropenhitze. Haha, und was macht man in den (Sub)tropen? Sich erstmal richtig dick erkälten… Mittags fuhren wir dann zurück – erstmal runter auf 1300 Meter, dann über den Pass auf knapp 5000. Unschön… aber der Abstieg nach Mallasa machte es wieder besser und wir hatten eine großartige Sicht auf La Paz. Doch von der Strecke Coroico – La Paz hoffentlich mehr in ein paar Wochen.


unser Hotel in Coroico… 25 Sekunden (:

Wir begeben uns morgen zum großen Stadtderby, Bolivar spielt gegen The Strongest, das ist vergleichbar mit Dortmund gegen Schalke oder Nürnberg gegen Fürth. Wahrscheinlich eher letzterem, denn beide Vereine sind grade nicht die erfolgreichsten. Montag geht es dann endlich nach Peru und dann werden auch die letzten Details mit dem Auto geklärt, danach sind wir es hoffentlich endlich los (das klingt schlimmer als es soll) und können mit dem Rucksack weiterreisen.

Leider zeichnet es sich ab, dass wir die ‘Berichterstattung’ etwas einschränken müssen. Das Internet ist grottig langsam, es gibt nur noch selten WiFi, wir haben nicht mehr so häufig Strom… also kommen in nächster Zeit wohl seltener Einträge, dafür länger.

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‘The Strongest’ vs ‘Real Potosi’

Was muss man in Südamerika erlebt haben? Richtig, Fussball! Bisher beschränkte sich unsere Stadionerfahrung auf den Grottenkick von Colo Colo gegen Concepcion, den wir in Santiago besuchten. Da es drei Mannschaften aus La Paz gibt, findet im Nationalstadion jedes Wochenende ein Spiel statt, in diesem Fall ‘The Strongest’ (bester Name!) gegen ‘Real Potosi’.
Da Bolivien entspannter ist als Deutschland, trödelten wir noch etwas durch die Stadt und genehmigten uns ein Eis, bevor wir eine halbe Stunde vor Spielbeginn auf Karteneinkauf gingen. Die Haupttribüne hätte 50 Bs gekostet, aber wer will schon auf die Haupttribüne? Wir folgten den Fanströmen und gelangten schließlich zur Südkurve, vor der wir für je 15 Bs zwei Karten bekamen (etwa 1,50€). So muss das sein! Das Stadion ist richtig schön, zwar mit Leichtathletikbahn und daher weitläufig, aber mit einem Ober- und einem Unterrang und Platz für mehr als 40.000 Zuschauer. Aus Potosi waren keine Gäste angereist, verständlich angesichts einer Entfernung von 550 Kilometern. Dafür war das Stadion mit 6000-7000 Besuchern erstaunlich gut gefüllt – mehr als gedacht zumindest. Wir machten es und in der ersten Halbzeit auf dem Unterrang bequem, nahe der Blaskapelle und den fanatischeren Fans. War mir der Verein erst etwas suspekt, da er tendenziell eher die Upper Class repräsentiert, konnte ich mich an den ‘Resistencia Antifascista’-Transparenten erfreuen.
Die Atmosphäre war angenehm, musikalisch, von Gesang unterlegt und durch die zahlreichen Essensverkäufer_innen reichlich wurstgeschwängert. Schwaden von Fleischgeruch jeglichen Alters hingen in der Luft, ich fürchte und vermute, dass auf den Boden fallende Reste einfach verwesen, anstatt weggeräumt zu werden.
Pünktlich zum Anpfiff wurde uns der Unterschied zu Chile gezeigt: zahlreiche Feuerwerkskörper wurden abgefeuert, es krachte und knallte im Rund, jetzt haben wir unsere Entschädigung für ein feuerwerksloses Silvester in Bajo Caracoles. Das Spiel begann ebenso grottig wie das in Santiago endete, Fehlpass reihte sich an Fehlpass und laufen wollte auf der Höhe offenbar niemand. Erst mit dem 0:1 für Potosi, eine halbe Stunde nach Anpfiff, begann das Spiel so richtig. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte glich ‘The Strongest’ aus und das Stadion erfüllte sich erneunt mit explodierenden Geschossen.
Die zweite Halbzeit verbrachten wir, nachdem wir uns für 10 Bs Pausensnack geholt hatten, auf dem Oberrang, von dem aus man eine nette Aussicht auf das umliegende La Paz hat. Während unten die Band spielte und gesungen wurde, wurden zwanzig Meter neben uns ein halbes Dutzend gelber Rauchbomben gezündet, bevor ein kleiner Junge seine Kracher-Batterie anzündete. Die funktionieren hier so, dass kleine China-Kräcker in die Luft geschossen werden, wo sie dann explodieren, bevor sie auf den Boden kommen. Hoffentlich.
Das Spiel zeigte etwas mehr Klasse, ‘Real Potosi’ ging 2:1 in Führung. Die ersten Fans begannen das Einpacken, doch ‘The Strongest’ glichen durch einen Foulelfmeter (der keiner war) aus und schafften es, wie durch ein Wunder, einige Minuten später 3:2 in Führung zu gehen. Jetzt war gut was los auf den Rängen, irgendetwas sehr, sehr lautes wurde gezündet. Im deutschen Polizeibericht wäre das dann als Bombe durchgegangen, haha. Nebenbei gab es noch drei Platzverweise, sodass sich das Feld langsam lichtete. Die zweite Halbzeit bekam fünf Minuten Nachspielzeit und der Torwart von Potosi ging mit nach vorne. Was für Aufregung! Er wurde tatsächlich angespielt, setzte seinen Mitspieler gut in Szene, der dann den Ball aufs Tor brachte, wo er dann irgendwie hinter die Linie gestochert wurde – Ausgleich. Wütende ‘Hijo de puta’ (Hurensohn)-Schreie gellten durchs Stadion, lustigerweise beteiligten sich bei der Familie vor uns alle sprechfähigen Individuen daran. Das Spiel war eine Minute später vorbei, was zu noch wütenderen Protesten Anlass gab, sodass schließlich ein Mannschaftszug Polizei in Kampfmontur aufs Spielfeld lief und die Schieds- und Linienrichter abschirmte. Nach zehn Minuten gingen sie dann alle zusammen in die Kabine, Formation Schildkröte – wer den Asterix-und-Obelix-Film gesehen hat, der weiß wovon ich spreche. Das war auch bitter nötig, denn von der Haupttribüne regnete es Wurfgeschosse. Herrlich, Bolivien at its best. Und weil der Name der Gastgeber so großartig war, mussten wir uns für ein paar Euro noch mit Fanutensilien eindecken, bevor wir das nächstbeste Collectivo nahmen und uns zurück nach Mallasa fahren ließen… wo uns die letzte Nacht im Bus erwartete.


Fankurve… wie die anderen Bilder von Cora


Eskorte (:

In La Paz sind wir jetzt schon seit fünf Tagen, aber bisher hatten wir jede Menge zu tun. Bus freiräumen, ins Hostel umziehen, Schneiderei, Schuster, Sachen besorgen… was in La Paz bestens geht, die gesamte Stadt scheint ein riesiger Markt zu sein und die chaotische Betriebsamkeit erinnert mich immer wieder an Kathmandu. Zurzeit sind wir in der Calle Jiminez untergekommen, die Gegend ist besser bekannt als ‘Hexenmarkt’. In zahlreichen kleinen Läden gibt es alles von erbärmlich riechenden Kräutern und ominösen Glücksbringern bis hin zu getrockneten Lamaföten in verschiedensten Größen und Entwicklungsstadien; wir leben sozusagen im Lamafötenkiez. Beim Hausbau soll ein Fötus mit eingebaut werden, um Unheil und anderes Ungemach abzuwenden. Soso. Ich frage mich noch immer, wie die Föten gewonnen werden. Gibt es Lamaabtreibungsfabriken? Oder sind das Ergebnisse inzestiöser Zuchtbemühungen? Oder läuft das wie bei Stören, denen der Kaviar ‘rausoperiert’ wird? Gruselige Vorstellungen, wenn ich auf des Rätsels Lösung komme, gebe ich es hier kund.

Nachdem unsere beiden Buskäufer sich doch von den Bergen rund um La Paz haben begeistern lassen, geht es erst Ende nächster Woche weiter. Somit verweilen auch wir noch etwas, ursprünglich wollten wir den Choro-Trail machen, der tief in die Yungas – das bolivianische Tiefland – hineinführt. Allerdings hält sich die Regenzeit hartnäckig und für Coroico, den Endpunkt der Tour, wurden über 30mm Niederschlag vorhergesagt. Uncool! Also haben wir gestern abend kurzfristig unseren Plan geändert und fahren morgen früh nach Copacabana an den Titicaca-See, um von dort auf die Isla del Sol überzusetzen und diese zu umwandern. Für die 160 Kilometer sind vier Stunden Fahrt veranschlagt, das wird sicherlich eine spaßige Angelegenheit. Aber jetzt kanns uns ja egal sein, der Bus steht sicher in La Paz und ich kann endlich mal schlafen beim Fahren.

[flo]

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Arica nach La Paz: P.N. Lauca & Sajama

Die Fahrt von La Paz, planmäßig die letzte große mit unserer Alten Dame, begann mit einem endlosen Aufstieg. Die Grenze nach Bolivien liegt, 200 Kilometer hinter Arica, auf etwa 4500 Metern. Auf dem Weg dorthin ging es hoch und runter, also viel zu arbeiten für unseren Wagen. Zunächst fuhren wir nur hundert Kilometer. Am Wegrand war ein ‘Happy-not-Hippie-Gasthaus’, das mit einem Gasthaus nicht viel zu tun hatte, dafür aber von einem herzlichen, freakigen Pärchen geführt wurde. Es hatte was von Öko-Bauprojekt, das überall angefangen und nie zuende geführt wurde. Aber es gab das erste Mal seit fast einer Woche wieder eine Dusche und die Höhe von 3000 Metern eignete sich gut für die erste Übernachtung. Unsere Akklimatisierung vom Jama-Pass ist leider wieder hinfällig und jetzt müssen wir erneut durch Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Atemnot. Naja. Kann man nichts machen, was?

Am folgenden Tag machten wir uns an die 45-Kilometer-Etappe (oder: eineinhalb Stunden) nach Putre. Dabei fielen vor allem die Wolken und das satte Grün der Berge auf. Eigentlich sollte es im April nicht mehr regnen, aber eigentlich ist es hier auch nicht grün, sondern wüstig braun. Der Wegrand war gesäumt von wunderschönen blauen Blumen und wir fühlten uns für kurze Zeit wieder in den patagonischen Frühling zurückversetzt. Kurz vor Putre fing es dann tatsächlich an zu tröpfeln und sollte den Tag auch nicht mehr aufhören. Schade, denn die Landschaft sah auf der Fahrt großartig aus. Zurzeit haben wir eine Sichtweite von weniger als fünfzig Metern, es plätschert leise auf unserem Dach und langsam wird es bitter kalt.
Unsere Erwartungen an Putre haben sich leider nicht ganz erfüllt, auch wenn mich das verschlafene Örtchen mit seinen gepflasterten Steinstraßen angenehm an Nepal erinnert: Die laut chilenischer Karte existierende Tankstelle gab es noch nie. Der Postmann hätte uns dafür 20 Liter seines Diesels verkauft, aber der reicht zur Not auch noch bis La Paz. Enger wäre es beim Frostschutzmittel geworden, das haben wir in Arica an der Tanke nicht mehr bekommen und haben es unverständlicherweise nach Putre aufgeschoben. Keine Tanke, kein Frostschutzmittel. Aber wir haben unsere Rechnung ohne die herzensguten Menschen hier gemacht. Bei den Zuständigen für den Straßenbau nachgefragt, die haben uns ihre Reste abgedrückt. Die nächste Gelegenheit ergab sich bei einem der wenigen geöffneten Hotels. Das Besitzerpärchen war unglaublich freundlich, erklärte uns die seltsame Wetterlage und mehr und gab uns schließlich für ein paar Pesos zwei Liter Frostschutzmittel. Das war bitter nötig, denn ab -12°C wäre der Kühler sonst gefroren. In einigen Tagen schlafen wir wahrscheinlich auf über 4400 Metern und auf ‘Warmwetter’ mit -12°C dürfen wir in klaren Nächten nicht hoffen. Schließlich haben wir sogar noch eine passende Schlafgelegenheit gefunden – wir parken vor einem Mix aus Reisebüro und Lodge, können Bad und Dusche nutzen und haben Strom. Yippie, Luxus (:

[...]

Nach Putre begaben wir uns gen Parinacota, einem winzigen Bergdorf auf etwa 4400 Metern Höhe. Nach 15 Kilometern war jedoch erstmal wieder Schluss: Bauarbeiten, die uns zwangen, ein wenig zu warten, da nur eine Spur offen sei. Aus dem wenig warten wurde eine Stunde, bis der Konvoi bolivianischer LKWs durchgerauscht war und wir endlich weiterkonnten. Nach einem Spaziergang auf 4300 Metern ging es für die Nacht dreihundert Höhenmeter runter, erst am nächsten Tag waren wir fit genug, um in Parinacota zu schlafen.


nicht grade bestes Wetter… vor dem Altiplano stauen sich die Wolken


jede Menge Vicunas…


… und Viscachas…


…sowie, hundert Meter weiter, etwas suspekte bolivianische Tanklaster. Aber wir brauchen gar nicht mit dem Finger drauf zeigen, wenn wir auf 4300 Metern aufs Gas treten, dann schaut das dank mangelnder Verbrennung schon ähnlich desaströs aus =/

In Parinacota löste sich das übliche Stellplatzproblem sehr schnell: Wir standen auf dem Dorfplatz, direkt vor der Kirche. Machte auch nichts, in dem Ort schienen nur ein gutes Dutzend Menschen zu leben. Den Nachmittag spazierten wir einmal rundherum und konnten die wunderschöne Altiplano-Landschaft genießen, die satten Weiden mit ihren Lamas und immer wieder die fünf- und sechstausender am Horizont.


der Parinacota


das Bofedal, eine sumpfartige Weidelandschaft…


…voller Lamas


die goldene Stunde. Ich liebe das Abendlicht des Altiplanos.


die Dorfkirche – zu der niemand der anwesenden Bewohner den Schlüssel hatte :D

Die Nacht in Parinacota wurde bitterkalt, so kalt, dass sich der Motorblock noch am kommenden Mittag wie ein Stück Eis anfühlte. Beste Startbedingungen! Ein paarmal vorglühen, Anlasser drehen – viel Rauch, sonst nichts. Das wiederholte sich etwa zehnmal, bis ich einsah, dass der Wagen nicht zu starten ist. Also was tun? Immerhin wollten wir bis Bolivien fahren und das war noch ein Stück. Das Ende vom Lied waren fünf Männer, die den Wagen anschoben und ihn bis an das Ende des Platzes brachten, an dem die Straße abschüssig aus dem Dorf führt. Also Kupplung getreten lassen bis der Wagen ordentlich Geschwindigkeit hatte, zweiten Gang rein, Kupplung kommen lassen, dabei Anlasser drehen, bremsen, auskuppeln und ordentlich aufs Gas treten. Glück gehabt, denn nach einigem Geblubber trat eine Rauchwolke ungeahnten Ausmaßes hervor und die Überfahrt nach Bolivien konnte beginnen. Dabei passierten wir zwei Lagunen, eine davon auf mehr als 4500 Metern einer der höchstgelegenen größeren Seen der Welt. Dahinter ragte der perfekte Konus des erloschenen Volcan Parinacota auf – ein großartiges Bild.


Laguna… Cotacopani? Oder so.

Die Straße war, trotz oder wegen der hohen Frequentierung, tendenziell eher eine Katastrophe. Felsbrocken auf der Straße, riesige Löcher – mit etwas Slalomfahren war die Strecke zur Grenze jedoch zu machen. Und da begann dann der Spaß…
Zunächst: Die Grenze war ein fast schon klischeehaftes Drecksloch. Staubig, grau, laut, voll, anstrengend, chaotisch, unübersichtlich. Die Passkontrolle und die Personenaus- und -einreise gingen schnell, auch der chilenische Zoll war flott erledigt. Danach mussten wir nur noch den Wagen nach Bolivien einführen. Einfacher gesagt als getan, im Gegensatz zu Argentinien und Chile ging das nicht in ein paar Minuten. Erstmal wurde wir ein wenig hin- und hergeschickt, bis wir schließlich in einem kleinen Verschlag landeten. Dort gaben wir das ausgefüllte Zolldokument ab – das ausfüllen hätten wir uns sparen können, denn der Beamte fragte uns zu jedem Eintrag. Unsere deutschen Papiere musterte er zwar interessiert, aber offenbar konnte er wenig damit anfangen. Wir hatten in Vorahnung alles wichtige kopiert und ihm ausgehändigt, aber dass Fahrzeugschein und Führerschein auf einem DinA4-Papier waren, machte die Sache nicht einfacher. Immerhin ließ er sich von uns helfen und nach einiger Zeit war auch der Eintrag im PC und wir bekamen das gestempelte Papier. Fertig? Denkste. Nach der bezahlten Straßenmaut wollten wir grade losrollen, als uns ein Grenzbeamter zurückwinkte. Offenbar sollte ich nochmal alle Daten in ein Buch schreiben lassen, warum auch immer. Gemacht getan, auch wenn der gute Mann Automarke und anderes so fürchterlich falsch schrieb, dass er es auch hätte sein lassen können. Danach ging es dann erst richtig los: Feuerlöscher, Warndreieck, Verbandskasten… die ganze Nummer. Hatten wir natürlich alles, wahrscheinlich im Gegensatz zu den hiesigen Truckfahrern. Es endete damit, dass Cora noch 20 Bolivianos (2€) Gebühr zahlen musste. Zu dem Zeitpunkt waren wir beide schon so durch, dass wir nur noch weg wollten – gezahlt und siehe da, wir konnten fahren. Super Sache, keine Stunde in Bolivien und schon an korrupte Beamte geraten. Das konnte ja nur besser werden. Wir fuhren noch schnell tanken, was wir wohl auch hätten lassen sollen, aber dazu später, und mit vollem Tank rollten wir nach Sajama im gleichnamigem Nationalpark. Die Zufahrt war interessant bis katastrophal, aber ich glaube, ich würde gerne mal Rally fahren. Sajama war ein gar nicht mal so kleines, sehr angenehmes, ursprüngliches und ruhiges Dorf in einer monumentalen Landschaft, und wie der Zufall es so wollte, klopfte es am späten Nachmittag an unserer Tür – und Christian und Nana standen einmal mehr vor uns. Schön sich endlich wiederzusehen!

Der Sajama-Nationalpark wurde uns als eine der schönsten Stellen Boliviens empfohlen. Jetzt haben wir von Bolivien noch nicht viel gesehen, aber zumindestens für mich ist die Ecke eines der schönsten Fleckchen Erde, das ich bis dahin gesehen habe. Von der Fernstraße Bolivien-Chile geht es über zwölf Kilometer Dirtroad um den Vulkan Sajama, mit knapp 6500 Metern der höchste Berg Boliviens herum, um im Dorf zu landen. Das Dorf liegt in einer weiten, satt-grünen Ebene, die von fünf- und sechstausendern umgrenzt wird. Egal in welche Richtung man läuft – spätestens nach ein paar Minuten findet man die ubiquitären Lamas.


Auf nach Sajama!


diese Landschaft. Ich werde spätestens in einem Jahr in Sehnsucht danach ertrinken.

Nachdem wir am ersten Abend noch ein Schulfest (der 34. Schulgeburtstag?) mitverfolgen durften und ich mich über die schiefe, aber gerade deshalb stimmungsvolle Kapelle freuen durfte, liefen wir am folgenden Tag mit Christian und Nana nach Norden zum Geysirfeld. Nach zwei Stunden war dieses erreicht und theoretisch hätte man einen großartigen Übergang nach Chile machen können, mit einer handvoll Lagunen auf dem Weg – hätte Chile nicht sauber die gesamte Grenze vermint.


der Sajama


auf dem Weg zu den Thermen


eines der kleinen Gehöfte, die rund um Sajama liegen

Das Geysirfeld war jedoch alle Mühe wert (auf 4300 Metern läuft es sich auch gradeaus nicht mehr so einfach). Aus etwa 80 Basins sprudelt und dampft es hervor. Teilweise war das Wasser glasklar und man konnte metertief reinschauen. Wahrscheinlich liegt unter der ganzen Ebene ein unterirdischer See, der sich dann von Zeit zu Zeit durch die Oberfläche bricht. Das würde erklären, warum der Boden auf der Höhe so warm war. Zelten würde bestimmt Spaß machen.


das orangene außen rum sind übrigens keine Ablagerungen, sondern thermophile Bakterien oder Algen

Als wir entspannt im Auto waren und ich grade Café kochen wollte, merkte Cora, dass der Schlüsselbund für den Wassertankdeckel fehlte. Wassertank… da ist doch auch der Schlüssel für den Dieseltankdeckel dran. Fenster auf, rausgeschaut – scheiße. Kein Tankdeckel. Kein Schlüsselbund. Die mussten gemeinsam noch oben an der Tanke der Grenzstation liegen. Mitsamt allen anderen Autoschlüsseln – Sicherheitsschloss, Türschloss, Safe. Aaaah! Mit Christians Spanisch-Hilfe hatten wir mehr oder weniger schnell ein Taxi organisiert, das uns an die Tanke hochfuhr (übrigens, um zu unterstreichen, das Bolivien tatsächlich sehr viel billiger als Chile/Argentinien ist: 33km Strecke, hin und zurück für 10€… dafür gabs keine Gurte). Die Fahrt war irritierend, zum einen die Nervosität angesichts der Schlüssel, zum anderen ein unglaublicher Sonnenuntergang – die Sonne hat man nichtmal gesehen, aber die Wolken nahmen sämtliche Farben zwischen gelblich und tief-rot an. Und seltsamerweise war oben an der Grenzstation keine kilometerlange Schlange LKWs… komisch. Doch dazu später. An der Tanke erwartete mich schon der grinsende Tankwart, der uns für ein paar Bolivianos Schlüssel und Deckel verstaut hatte. Glück gehabt!

Die zweite leicht zu erreichende Attraktion des Parkes, die Naturthermen, besuchten wir am nächsten Tag. Fast schon zu kalt mit 35°C, aber trotzdem eine Wohltat, vor allem, da wir keinen Dusch-Zugang hatten… die erste Dusche seit Chile sollte es erst in La Paz geben.


Parinacota von der anderen Seite, auf dem Weg zu den Thermen…


… und die andere Richtung


auf dem Rückweg durch die Lamaherden

Nachdem die letzte Nacht in Sajama regnerisch, aber auf Grund der Wolken warm war, konnten wir den Wagen diesmal ohne rollen starten. Dabei hatte ich extra am Hang geparkt… naja, gut so. Als wir aus dem Dorf rumpelten, hielt uns noch der Park-Ranger an, der uns darauf hinwies, dass die Straße nach La Paz blockiert sei, es aber “mas tarde” (später) eine Einigung geben sollte. Naja, ein paar Stunden stehen, gibt schlimmeres. Also fuhren wir zu viert – mit Christian und Nana – los, bis nach 75 Kilometern die ersten LKWs am Horizont auftauchten. Nach kurzem Gespräch mit einigen Fahrern fuhren wir am Rand an der Schlange vorbei – die war immerhin gute sieben, acht Kilometer lang. Sehr weit vorne war zwischen den Trucks ein Platz frei, wir parkten ein und erfuhren Stück für Stück die Details. Die Blockade war bereits den dritten Tag – deshalb also die leere Grenzstation. DAS hätte der Guard uns mal sagen können… Die Straßenblockade bestand aus mehreren großen Erdhügeln mit einigen hundert Dorfbewohnern dazwischen. Das ganze war interessant anzusehen, es wirkte auf jeden Fall sehr basisdemokratisch. Nur wirklich solidarisch konnten wir uns nicht zeigen, denn der Grund für die Blockade war lächerlich. Das Dorf, fünf Kilometer abseits der Fernstraße gelegen, wollte eine Asphaltierung der Schotterstraße nach Oruro. Oruro liegt im Nordosten des Dorfes – ist aber über die bisherige Straße bestens erreichbar. Eine Asphaltierung hätte zur Folge, das die LKWs nach Osten dann 50 Kilometer Weg sparen würden und das Dorf passieren würden, mitsamt aller wirtschaftlichen Auswirkungen. Das ist ja schön und gut, nur gibt es in Bolivien eine Vielzahl Straßen, die wirklich dringend geteert werden müssen, ebenso wie es massig Dörfer gibt, die keinen vernünftigen Straßenanschluss haben.
Wie auch immer, aus “mas tarde” wurde “manana” (morgen) bzw. “indefinite” (wenn es so geschrieben wird, auf jeden Fall unbegrenzt). Großartig. Viele Alternativen gab es nicht. Eine wäre fünf Kilometer lang gewesen, eine Allrad-Strecke zum Dorf – das hätte tatsächlich geklappt, allerdings hätten wir einen Kilometer tiefen Sand passieren müssen und mit dreieinhalb Tonnen und unseren Minireifen war das unmöglich. Die andere Alternative wäre zurück zur Grenze und dann Schotterstraße nach Oruro – ein 400-Kilometer-Umweg. Also warteten wir und hofften, dass es “manana” wird. Immerhin war die Landschaft nett und wir konnten die Zeit nutzen um das Auto zu waschen, ein wenig aufzuräumen und im Fluß zu baden (oder Gold zu suchen, ich glaube, die glänzenden Plättchen waren Gold :D ).


fehlgeschlagener Versuch, die Blockade zu brechen?

Auf der anderen Seite der Blockade stand ein deutsches Wohnmobil mit einem älteren Pärchen, mit denen ich mich etwas beraten wollte. Leider war der Mann vom Typus Sozialdarwinist, der erstmal über die Bolivianer generell und dann die Dorfbewohner im Besonderen schimpfte. Was für ein Idiot. Ich verstehe manchmal nicht, warum solche Leute auf Reisen gehen. Ab in die Gartenlaube, da kann er dann Sarrazin und anderen Müll lesen, das dürfte doch eher passen… Schließlich, am vierten Tag bzw. für uns nach gut 28 Stunden, kamen die Dorfbewohner mit der Regierung wohl zu einer vorübergehenden Einigung und die Blockade wurde für drei Stunden aufgehoben. Yippie! Bis es soweit war dauerte es natürlich dann doch noch etwas und am Ende passierten wir um sechs Uhr die freigeräumte Straße. Lustigerweise ohne eine Spur von dem deutschen Wohnmobil, das wahrscheinlich den riesigen Umweg gewählt hat, haha. Natürlich passierte dann genau das, was ich befürchtete: Hunderte LKW-Fahrer begannen das Wettrennen. Waren wir die ersten Kilometer hinter der Blockade noch geschützt, da die Gegenseite mit anderen Fahrzeugen belegt war, begann danach das wilde Gerase. Was für völlig verrückte Leute! Wir wollten nur bis zur nächsten Schlafgelegenheit, aber mittlerweile dämmerte es und vernünftige Plätze waren nicht zu sehen. Patacamaya, die nächste Stadt, lag hundert Kilometer entfernt… wir sollten drei Stunden dahin brauchen. Während der drei Stunden konnten wir die ganzen Abgründe des bolivianischen Straßenverkehrs begutachten und wissen jetzt, warum Nachtfahrten “generell nicht zu empfehlen” sind. Zum einen wird überholt, wo und wie es nur geht. Das schlimmste sind die Kuppen. Die Fahrer sehen vielleicht dreißig Meter weit, trotzdem wird ausgeschert und überholt. Kommt was entgegen, dann wird eben wieder eingeschert und der Nebenmann muss Platz machen. Generell ist man hier mit dem Einscheren nicht so – hätte ich nicht vorsichtshalber schonmal gebremst, wären wir von einem Tanklaster in den Graben gedrückt worden. Getoppt wird das alles noch von der enthusiastischen Lichthupen- (bzw. Lichtorgel-)Benutzung. Das funktioniert so: Wenn ein LKW überholen möchte, dann lichthupt der Fahrer erstmal ein wenig, um seine Absicht kundzutun. Und damit er beim Überholvorgang genug sieht, schaltet er dabei sein Fernlicht an. Und weil Fernlicht sowieso besser ist, wird oft auch konsequent mit Fernlicht gefahren. Egal, ob da Gegenverkehr kommt oder nicht. Und wenn einer mit seinem Fernlicht blendet, macht der andere sein Fernlicht auch an, um besser sehen zu können. Aah… was für eine krankhafte Idiotie, jetzt wundern mich die zahllosen Kreuze am Wegesrand noch weniger. Passenderweise fahren die meisten auch fast profillose Reifen – weswegen wir einen Reifenplatzer beobachten konnten und ein paar Kilometer späte plötzlich der riesige Reifen-Rest auf unserer Fahrbahn auftauchte.
Als wir in Patacamaya ankamen, war zumindestens ich völlig fertig. So hatte ich mir die Abschiedsfahrt nicht vorgestellt. Wir suchten schnell ein ‘alojamiento’, eine Herberge, für Christian und Nana (4€ für Doppelzimmer, nicht schlecht), parkten davor und waren dann schnell im Bett.

Die hundert Kilometer nach La Paz absolvierten wir dann in zweieinhalb Stunden, trotz geteerter Straße. Auch tagsüber trieben mich die Bolivianer angesichts ihrer suizidalen Überholmanöver in den Wahnsinn und ich bin froh, dass wir nicht mit dem Auto weiterreisen. Passenderweise waren 40 Kilometer hinter Patacamaya zwei LKWs ineinandergerast, was zu längerer Verzögerung führte… aber es wundert mich nicht.
Die spektakuläre Cordillera nördlich von La Paz war schon von weitem sichtbar und ebenso die Stadt – genauer gesagt, El Alto. La Paz selber liegt mit einer Millionen Einwohner in einem Canyon, während El Alto flach auf dem Altiplano liegt. Eigentlich das Armenviertel von La Paz, ist El Alto mittlerweile ebenso groß und eie unabhängige Stadt. Der Verkehr war einmal mehr eine Herausforderung, aber nicht so schlimm wie erwartet. Glücklicherweise gab es eine neue Straße nach Mallasa, das 12 Kilometer von La Paz entfernt liegt und früher nur mittels Stadtdurchquerung erreichbar war. So fuhren wir langsam runter und sind jetzt auf 3200 Meter (La Paz liegt 600 Meter höher) im Hotel Oberland, wo wir unter schweizerischer Aufsicht mit dem Wagen campen können, ein paar freie Tage genießen und uns auf die Übergabe vorbereiten. Am Ankunftstag waren wir abends noch in der Stadt. Die Stadt ist chaotisch, aber oder gerade deswegen großartig… doch das verdient einen Extra-Post. Oder mehrere.

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Arica oder: Goodbye Chile

Wir sind in Arica angekommen, der noerdlichsten groesseren Stadt Chiles, die wahrscheinlich naeher am Panamakanal liegt als an Feuerland. Wie ihr seht, gibt es weder Bilder noch ein vernuenftiges Schriftbild, denn ohne Strom kein Laptop und so muss ich mich mit Stromausfaellen im Internetcafe und fehlenden Umlauten rumschlagen.

Eine kurze Rueckblende: Von Iquique aus fuhren wir fuenfzig Kilometer ins Landesinnere. Das bedeutet: Erstmal wieder das 1000-Meter-Brett hoch, das die Kueste vom Landesinneren unterscheidet, im Prinzip ist die gesamte Pazifikkueste naemlich eine Steilkueste. Nach eineinhalb Stunden hatten wir uns hochgequaelt und landeten im Ex-Oficina Humbertstone, einer alten Salpeterstadt. Salpeter bezeichnet Nitratsalze, die wesentlicher Bestandteil von Duenger sind, da der beschraenkende Faktor vieles Pflanzenwachstums bei mangelndem Nitrat liegt. In Nordchile gab und gibt es riesige Lagerstaedten davon, sodass hier eine gigantische Nitratabbau-Industrie entstand. Interessanterweise entstand diese auf bolivianischem und peruanischem Boden, erst durch den Pazifikkrieg in der zweiten Haelfte des 19. Jahrhunderts riss sich Chile den heutigen Norden unter die Naegel, verkuerzte damit Peru und nahm Bolivien die einzige Verbindung zum Meer. Ohne den Krieg waere Bolivien heute sicher nicht das Armenhaus Suedamerikas, das es leider ist… naja, ohne die moderne Marktwirtschaft auch nicht.
Der Salpeterabbau explodierte kurz nach der Jahrhundertwende foermlich und erreichte seine Maxima in den Jahren um den ersten Weltkrieg. Warum? Die chilenische Geschichtsschreibung will davon nichts wissen, aber der Export boomte, da Nitrat nicht nur als Duenger, sondern auch fuer die moderne Kriegsfuehrung in Form von Schwarzpulver und als Grundlage fuer Dynamit-Derivate von enormer Bedeutung war. So erklaert sich auch das Rekordjahr von 1917… Fuer Deutschland war es damals uebrigens sehr problematisch, mittels der britischen Seeblockaden von dem guten Chile-Salpeter abgeschnitten zu sein. Zu schade, dass das nicht reichte, denn puenktlich zur versiegenden Salpeterquelle aus Uebersee entwickelten Fritz Haber und Carl Bosch das Haber-Bosch-Verfahren, in dem unter hohem Energieaufwand eine Synthese von elementarem Stickstoff und elementarem Wasserstoff zu Ammoniak stattfindet, das dann weiterverarbeitet werden kann. Das war historisch das Todesurteil fuer den Salpeterabbau in Chile. In den fuenfziger Jahren schlossen die letzten Oficinas (aktuell gibt es noch zwei, die sich halten koennen, jedoch nur ueber die Jod-”Nebenproduktion”) und uebrig blieben Dutzende Geisterstaedte jenseits der Panamericana. Und in zweien konnten wir nun rumschlendern, in dem Oficina Humbertstone sowie dem Oficina Santa Laura. Bilder sagen mal wieder mehr als Worte, aber die muessen noch warten. Beide Staedte waren sehr interessant, vor allem, da man die alten, halb verschrotteten Fabrikanlagen betreten durfte. In Deutschland haette man das knicken koennen… aber hier machte es riesig Spass, durch die baufaelligen Gebaeude zu laufen, das alte Theater zu besuchen, in das riesige, kupferne Freibad zu steigen, im kleinen Basketball-”Stadion” umherzulaufen… wie gesagt, Bilder folgen ;)

Eine Nacht verbrachten wir zwischen den Oficinas, wo unser Auto wieder aus unerklaerlichen Gruenden des Nachts das Schwanken begann. Die Aufloesung folgte gestern beim Blick in die Erdbeben-Historie, wir hatten ein kleines 5.2-Erdbeben gute hundert Kilometer entfernt. In Iquique hatten wir schonmal eins, das fuehlt sich seltsam ein, ein wenig wie Massagesessel, nur dass das ganze Auto vibriert.

Die naechste Nacht standen wir in der Wueste vor Arica, auf einem kleinen Parkplatz einer kleinen Nebenstrasse. Die Chilenen scheinen eher doch geselliger zu sein und Ruecksicht ist etwas eher unbekanntes, um drei Uhr nachts hielt genau hinter uns die Party-Crew aus Arica und drehte ihre schaebige Anlage auf. Aaargs! Das ist etwas, was ich hier echt nicht packe. Wir sind dann vierhundert Meter weitergefahren… In Arica gibt es offenbar keine Campingplaetze, dafuer soll man an allen Straenden naechtigen duerfen. Prima, gibt halt keine WCs… aber was soll man machen. Die erste Nacht waren wir am Stadtstrand, grosser Fehler! Auch das hier war eher die Party-Area und wir konnten ein weiteres Mal das halbe Dutzend Sommerhits in Dauerschleifen hoeren. Um drei Uhr. Nachts. Jetzt stehen wir ein paar Kilometer ausserhalb am Surferstrand, an dem man nicht schwimmen soll. Die Wellen sind grossartig, das gestern gefundene, rollenlose Skateboard wird in seiner urspruenglichen Entwicklung wieder zurueckschreiten und als Surfbrett dienen. Ich bin gespannt! Neben Skateboards liegt allerhand anderes Holz am Strand, zwischen Wasser und Sand liegt ein “Holzsaum”, der teilweise einen Meter hoch ist. Wir sind in der Wueste, wo kommt das alles her? Zum Feuermachen taugt es auf jeden Fall, das dachten sich auch die Spassvoegel, die am Stadtstrand den groessten Holzhaufen (mehrere Kubikmeter Holz) in Brand setzten.
Haha, super Geschichte auch das Busfahren gestern: Bis zum Strand waren es nur zwei Kilometer (wir lassen den Wagen fuer Kurzstrecke stehen) und ich konnte nicht laufen, da ich mir die Fussunterseite etwas aufgeschnitten hatte (beim Baden…). Also Bus genommen – der Busfahrer hatte seine ganze Familie im Gepaeck, bei einem Stand haben sie dann erstmal Picknick geholt… fuer die zwei Kilometer haben wir mehr als eine halbe Stunden gebraucht. Aber ist ja Ostern (:

Fuer uns heisst es morgen Abschied nehmen von den Staedten Chiles, wenn wir weg sind wuerde ich die Korken knallen lassen, haetten wir entsprechendes dabei. Diese permanente Ruecksichtslosigkeit geht mir immer mehr auf die Nerven, da koennen die Chilenen noch so freundlich sein – was sie hier im Norden aber auch nicht mehr wirklich sind. Und das Autofahren in den Staedten ist einfach desastroes fuer meine Nerven. Nach fast einem halben Jahr und mehr als 15000 Kilometern habe ich bis auf eine (der Boulevard hat immer Vorfahrt) noch immer keine Verkehrsregeln bemerkt, dafuer fahre ich im permanenten Alarmzustand. La Paz wird auch nochmal eine Katastrophe, aber hoffentlich die letzte: Wir haben Kaeufer fuer unseren Bus gefunden, die mit ihm nach Ecuador hoch wollen. Das wird sicher eine schoene Strecke, aber fuer uns ist es bis La Paz genug. Es gibt soviel zu entdecken in der Umgebung und der Bus wuerde uns eher hindern als helfen. Campingplaetze gibt es de facto keine mehr, dafuer sind Unterkuenfte so billig wie hier die Campingplaetze. Unseren Komfort wird das zwar etwas beschneiden, aber fuer zweieinhalb Monate geht das schon klar. Ausserdem haben wir ja noch die Abschiedstour, denn bis La Paz sind es noch 500 Kilometer, davon gehen die ersten 200 Kilometer auf ueber 4500 Hoehenmeter hoch. Wir quaelen unsere Alte Dame also nochmal etwas ueber das Altiplano. Dafuer sehen wir den Parque Nacional Lauca, der wunderschoen sein soll… Bilder folgen dann in La Paz. Da es bis dahin auch keine ernstzunehmenden Staedte mehr gibt, heisst es erstmal Funkstille… bis in zehn Tagen.

flo

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Calama, Chuquicamata und die Pazifikküste

Calama ist eine der wenigen Städte, bei denen der Lonely Planet mit seiner Beschreibung ins Schwarze trifft: diese Stadt ist tatsächlich ein Drecksloch. 16.000 der 140.000 Einwohner arbeitet direkt bei der Mine Chiquicamata und der Rest arbeit dem auf allen erdenklichen Wegen zu. Die Mine ist für die Stadt das, was für Erlangen Siemens, Areva und die Uni zusammen sind, nämlich der Hauptarbeitgeber und irgendwie auch die einzige Existenzberechtigung. Keine Mine, keine Beschäftigten, keine Stadt. Wobei ich angesichts der Erlanger Wohnungspreise und meiner dezenten Ablehnung der Atomkraft immer noch hoffe, dass Areva pleite geht.
Wie auch immer, die Stadt existiert also wegen dieser Mine und das merkt man an allen Ecken. Zunächst ist alles sponsorbare von der Minengesellschaft gesponsert – mich hätte es nicht verwundert, wäre die Polizei es auch gewesen. Desweiteren wehen von Zeit zu Zeit angenehm duftende Schwefelwasserstoffbrisen in die Stadt (für nicht-Naturwissenschaftler: der Geruch fauler Eier). Und nachdem viel Geld irgendwo hin muss – denn was macht man in einer Stadt, die in der Wüste liegt und sonst nichts zu bieten hat? – gibt es hier die vermutlich höchste Dichte an Riesen-Einkaufszentren und -malls. So ist es dann auch wenig verwunderlich, dass wir vorhin beim Einkaufen die ganze Palette Importprodukte in der Hand hatten – von billigen deutschen Lebkuchen (gekauft! Jetzt wird Weihnachten nachgeholt) bis hin zu Öttinger (das ist schon fast zu klischeehaft, aber trotz des Imports ist Öttinger noch das billigste Bier!). Dazwischen Nutella, mehrere Dutzend andere deutsche Biere und so weiter. Hübsch an dieser Stadt ist auch ihr Speckgürtel: Der besteht nicht, wie man vermeintlich denken könnte, aus den Villen der Besserverdiener. Nein, um die Stadt zieht sich ein Gürtel aus Müll. An einem Punkt ist es wohl die offizielle Müllkippe der Stadt, aber der Übergang von Müllkippe zu Stadtgebiet ist fließend und auf der anderen Seite der Stadt schaut es genauso aus. Soweit also zu Calama, viele Gründe zum Bleiben gibt es somit nicht. Trotzdem verbringen wir gleich die zweite Nacht hier, denn Strom und Internet üben grade eine magische Anziehungskraft auf uns aus. Filme schauen und Sachen erledigen… hurra. Dazu gehört dann auch endlich das Informieren zwecks Weiterstudieren bzw. das Wählen des kleinsten Übels. Grade war wieder ein netter Artikel auf ‘Zeit online’, in dem sich irgendjemand wichtiges darüber auslassen durfte, wie wichtig Flexibilität und Mobilität sind. Ahja. Selbstverständlich zählt das nur für Studenten, Auszubildende, Lohnarbeiter… kurzum, für das Humankapital. Also wird das überall-verfügbarsein zum höchsten Gut ausgelobt und unsere atomisierte Gesellschaft von Einzelkämpfern darf den Konkurrenzkampf weiter vorantreiben. Hervorragend! Das mehr Konkurrenz und Wettbewerb zu immer prekäreren Bedingungen führt Flexibilität auch andersrum laufen kann scheint sich noch nicht soweit rumgesprochen zu haben… Ich hätte ja auch Lust mich über die ‘Lebenslaufproblematik’ von einem (oder mehreren) Pausenjahr(en) auszulassen und ganz besonders über die sofortige Erwiderung, dass man das doch auch ‘gut verkaufen’ könnte, aber das würde ausufern und wahrscheinlich die wenigsten interessieren. Ein Zitat möchte ich aber vor allem angesichts der hiesigen Lokalität ausgraben, und zwar von Engels (ich weiß, gehört besonders in Bayern nicht zum guten Ton ihn zu zitieren, aber glücklicherweise sind die Worte nicht von Marx, haha). Der Zusammenhang ist der kapitalistische Umbruch in England, als sich die abstrakte Arbeit (Lohnarbeit) endgültig durchsetzte:

“Nichts ist fürchterlicher, als alle Tage von morgens bis abends etwas tun zu müssen, was einem widerstrebt. Und je menschlicher der Arbeiter fühlt, desto mehr muss ihm seine Arbeit verhasst sein, weil er den Zwang, die Zwecklosigkeit für sich selbst fühlt, die in ihr liegen.”

Zurück zu Calama: die erwähnte Mine kann man besichtigen und wir ließen uns für die geführte Tour eintragen. Dabei war von vornherein klar, dass es ähnlich wie die Schulbesuche im Atomkraftwerk eher eine schöne Propaganda-Schau werden würde (‘Atomkraft ist umweltverträglich und ungefährlich’). Das wurde auch sehr schnell bestätigt: Der erste Stop des Busses war die ehemalige Stadt Chiquicamata mit früher über 20.000 Einwohnern, die neben der Mine positioniert war und wegen der extremen gesundheitlichen Belastung durch den nahen Kupferabbau und die damit verbundenen Stäube und Gase schließlich komplett geschlossen werden musste. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Umsiedlung erst dann durchgeführt wurde, als Chile einem internationalen Umweltabkommen beigetreten ist… die Belastung gab es also schon vorher, nur störte sich daran niemand. Bringt ja immerhin eine Menge Geld, dieses Loch. Die Umweltproblematik wurde natürlich nicht während der Besichtigung erwähnt, sondern lediglich die Tatsache, dass sie wegen der nahen Mine umgesiedelt wurde. Gleichzeitig wurde man angehalten, von jedem der riesigen Abraum-Transporter Fotos zu schießen… in der Geisterstadt war Fotografieren verboten. Menschenleere Städte passen wohl nicht zur sauberen Kupfergewinnung?
Die Mine war sowohl beeindruckend als auch etwas erschreckend, der Tagebau ist fünf Kilometer lang, drei Kilometer breit und fast ein Kilometer tief. Was für ein Loch! Die Mine hatte früher 80% des Exports ausgemacht, mittlerweile ist es ‘nur noch’ ein Drittel. Da sie verstaatlicht wurde, kann man sich vorstellen, wie enorm wichtig sie für Chile ist. Da verwundert es wenig, dass Kritik eher weniger angesagt war und die Arsen-haltigen Abwässer jahrelang direkt in die Wüste geleitet werden konnten… herrlich.

So. Genug geschimpft. Wir fahren jetzt ans Meer.


Das Drei-Liter-Auto ist Realität! Diese kleinen Wunderwerke verbrauchen nur noch drei Liter Diesel pro Minute!


Das Loch


kleiner Ausschnitt aus dem vorherigen Bild

[...]

Dem Meer sind wir jetzt die letzten paar Tage gefolgt und stehen grade in Iquique, einer dank der hier errichteten Freihandelszone prosperierenden Großstadt. Mitten in der Wüste. Was für ein hässlicher Betonklotz. Wenigstens gibt es in der Innenstadt einige hübsche alte Holzhäuser und auch das Eis war ganz gut…
Zurück zum Anfang: Nach der Mine begaben wir uns auf die kilometerlange Bergabfahrt nach Tocopilla, einem weiteren Drecksloch. Aber sowas von! Die Stadt liegt eigentlich sehr hübsch an der Küste, aber die wird von einem dicken, gelben Schaumteppich gesäumt. Algenblüte, wo die wohl herkommt? Wird hier nicht überall Nitrat abgebaut? Aber nicht nur das Meer sah desaströs aus, auch die Stadt war ein einziger Schutthaufen. Die paar Hundert Truthahngeier am Ende der Stadt werden nicht umsonst ihr dasein fristen. Überhaupt, die Pazifikküste. In vielen Berichten steht, dass die Strände teilweise recht vermüllt seien. Mit anderen Worten: Die gesamte Küste ist eine gigantische Müllhalde. Und das sind keine Sachen, die da aus Asien rübertreiben (oder von was weiß ich wo). Der Müll ist hauptsächlich chilenisch, leider sind es auch nicht nur ein paar Schuhe, sondern Zylinderkopfdichtungen, alte Autobatterien, hin und wieder andere Industrieteile, jede Menge leere Ölflaschen und große Mengen Plastik in allen erdenklichen Formen. Da macht das Schwimmen doch richtig Spaß! Teilweise war es so heftig, dass wir an den Stränden nicht mehr geblieben wären. Lustigerweise ist es nicht nur eine riesige Müllkippe, sondern auch ein ausgedehnter Friedhof, nur, dass es hier statt Pinguine jetzt Kormorane und Robben anspült.


lecker Schaumteppich


lecker Seelöwenrest

Am Ende hatten wir nur einen Übernachtungsplatz am Meer, den wir mit Axel und Suse sowie Norbert und Ute teilten, alle vier auf dem Motorrad unterwegs. Es war sehr schön mal wieder ‘in Begleitung’ unterwegs zu sein, insbesondere, da wir eine kleine, noch relativ unverschmutzte und fast idyllische Bucht fanden, inklusive Pelikan-Felsen im Meer.


haha, wir müssen kein Zelt aufbauen :D


das weiße ist übrigens jenes berüchtigte Guano, nach denen sich die Göttinger Bands in sinnfreier Verbindung mit den Affen benannte… kurz: Gehärtete Vogelscheiße und bester Dünger


Pelikane!

Wir verbrachten, entgegen unserer Gewohnheiten, gleich zwei Nächte dort und fuhren danach direkt weiter nach Iquique. Auf dem Weg nutzten wir noch ein Badestrand aus, was zu einem weiteren wunderschönen ‘Seehund-Erlebnis’ (siehe Camarones und Capo dos Bahias) führte. Kurz nachdem wir uns in die Wellen warfen, tauchte vor uns eine ganze Seehundfamilie auf, die in den Wellen zu surfen schienen und uns neugierig über Wasser beobachteten. Teilweise waren sie nur wenige Meter entfernt und ich weiß nicht ob wir oder sie neugieriger waren. Die Wellen waren ebenfalls großartig, meterhohe Brecher, davon können Nordsee und Mittelmeer nur träumen.

Seit vorgestern sind wir jetzt in Iquique. Wir hatten gehofft, langsam das ‘okay’ für das Auto zu bekommen, wir versuchen derzeit, es bei La Paz zu vertickern. Dadurch würden wir uns knapp 4000 Kilometer Rückweg sparen – mindestens drei Wochen Autofahren versus ein paar lange Busfahrten. Aber momentan schaut es nicht so gut aus, mal sehen, was wir machen werden. Erstmal fahren wir nachher weiter und schlagen dann in ein paar Tagen in Arica auf.

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San Pedro de Atacama

Seit fünf Tagen sind wir jetzt in San Pedro de Atacama und es wird Zeit zum Weiterfahren. Das Auto haben wir die letzten Tage stehen gelassen und dafür zwei Touren mit einer Agency gemacht – das hat uns 450 Kilometer und etwa viertausend Höhenmeter gespart. Außerdem kann man die Gegend um San Pedro hervorragend mit den hier ubiquitären ausleihbaren Mountainbikes abfahren. Die schönste Tour ist dabei sicherlich das ‘Valle de la luna’, das Tal des Mondes. Wenn man reinfährt, dann bekommt man eine Ahnung, wie der Name entstanden ist, auch wenn ich nicht glaube, dass es auf dem Mond ähnlich schön ausschaut. Dieses ausgetrocknete und versalzene Fleckchen Erde wurde trotz der Wüstenlage durch Wasser geformt. Es gab neben der Schotterpiste zwei winzige ‘Wanderungen’, nicht mehr als ein Kilometer lang. Die erste führte durch einen Canyon durch, bei dem man sehen konnte, dass hier eigentlich alles steinige aus Salz bestand. Die Wände waren aus einem riesigen Salzblock und überall waren weiße Ablagerungen. Der Weg folgte teilweise einem höhlenartigen Flusslauf, so dass wir über hundert Meter durch eine Salzhöhle krochen… sehr interessant. Die andere Tour ging auf die ‘Duna Major’, die große Düne, von der man eine herrliche Sicht auf das Umland hatte.


Anfahrt ins Valle de la luna


im Canyon


trockener Salzwasserfluss


Valle de la muerte, das ‘Nachbartal’

Einen Tag später quälten wir uns um 3:40 Uhr aus dem Bett, um zum Geysirfeld ‘El Tatio’ zu fahren, 100 Kilometer entfernt und auf 4300 Meter liegend das angeblich höchste der Welt. Es war unfassbar kalt, aber die Dampfsäulen und blubbernden Becken machten es mehr als wett. Es war unbeschreibbar schön auf diesem kleinen Plateau zu wandeln und dem Brodeln und Zischen der hunderten kleinen und großen Quellen, Geysiren und Fumarolen zuzuhören.


85°C-Pools…


…verschieden stark salzverkrustet


das große Fumarol-Feld von nahem…


… und aus der Ferne

Die letzte Tour führte uns wieder aufs Altiplano zu den Lagunen Miscanti und Miniques, ebenfalls auf über 4000 Meter gelegen. Wieder eine großartige Landschaft und vor allem nicht so früh und kalt wie am Vortag. Auf dem Rückweg statteten wir dem riesigen Salar de Atacama einen Besuch ab. Eine unwirkliche und unwirtliche Landschaft, in der trotzdem Leben in Forum von Flamingos, einer handvoll anderen Vögeln, Libellen und Echsen existiert.


erloschene 5000er-Vulkane


die kleinere der beiden Lagunen


der Salar de Atacama: Eine eher trostlose Angelegenheit


immerhin bevölkert von zwei einsamen Flamingos, die den Schlamm schnabulierten

Von San Pedro fahren wir nun weiter in die Wüste. Die nächste Station ist Calama, die zugehörige Stadt der gigantischen Mine Chiquicamata. Anschließend rollen wir die 140 Kilometer zur Küste (2500 Höhenmeter runter, diesmal passen wir besser auf die Bremsen auf), um in Tocopilla abzubiegen und am Pazifik entlang nach Iquique im Norden zu fahren.

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Paso de Jama

Von den Salinas Grandes, die auf 3400 Meter lagen, zog sich der Weg hoch über das hässliche, offenbar ausgestorbene Susques bis schlussendlich Jama, der Grenz-Ortschaft (die darin ihren einzigen Zweck hat) auf 4100 Metern. Die Strecke führte uns vorbei an riesigen Salzseen, durch unwirkliche, mal vertrocknete, mal lebendige Landschaften. Die ersten Lamas waren wenig beeindruckt von unserem Hupkonzert, das sie von der Straße treiben sollte.


wenig frequentiert, die einzig geteerte Nord-Verbindung zwischen Argentinien und Chile


epic!

Eigentlich wollten wir wieder an einem Salzsee stehen, aber die wunderschön geteerte Straße hatte leider einen zu hohen Seitenwall und mit dem Unterboden aufsetzen ist dann doch nicht so toll. Der erste Standplatz lag kurz vor Jama, den mussten wir aber wegen heftigen Windböen aufgeben.


kurz vor Jama


Vulkane saeumen den Weg (wer Spass dran hat, kann bei googlemaps mal nach dem Paso de Jama suchen, etwas nach Westen gehen und sich das Gelaende anschauen – da sieht man, dass eigentlich jeder Berg vulkanischen Ursprungs ist)

Also reisten wir am Abend noch offiziell aus und verbrachten die Nacht in Straßennähe. Die Höhe machte mir etwas zu schaffen – Cora war richtig fit -, noch problematischer war jedoch die Kälte. Kaum war die Sonne weg, zeigte das Thermometer nur noch knapp über null Grad an. Also Kühler öffnen, Flüssigkeit abschöpfen, mit Frostschutzmittel auffüllen und nochmal laufen lassen. Selbst das Laufen lassen wurde zu einem Problem, gibt es hier doch keinen Winterdiesel, mal abgesehen davon, dass der Motor im Leerlauf klingt, als wuerde er jeden Moment seinen Dienst quittieren. Innen schmissen wir erstmals die Heizung an und freuten uns über das bisschen Wärme, außerdem entleerten wir den Wassertank komplett. Richtige Entscheidung! Morgens, kurz vor Sonnenaufgang, war das Thermometer an der Grenze der Anzeige – und die liegt unter -10°C. So wurde es dann auch nichts mit dem Losfahren, wir versuchten es erst gar nicht und warteten bis halb elf. Mehrfach vorglühen, Anlasser umdrehen: der Bus orgelt, raucht heftig und das war es. Verdammt. Diesel versulzt? Choke an den Anschlag gedreht (darüber lässt sich die Einspritzmenge regulieren), nochmal georgelt, angesprungen. Yippie! Monströse Rauchwolken nebelten uns ein, aber wir konnten unsere Fahrt fortsetzen und schneckten den Paso de Jama, 4200 Meter, hoch. Das ist etwas verwirrend: Der Grenzpass ist zwar bei 4200 Metern und bei Blick in die Karte freut man sich, nicht höher zu müssen. Nach dem Grenzpass kommt aber erst die richtige Steigung und es geht hoch bis auf 4850 Meter! Das war dann auch für den zweiten Gang zuviel und wir mussten in den übersetzten Berggang wechseln, da wir es sonst nicht hochgeschafft hätten. Sonderausstattung hurra!

Die Strecke vor und nach dem Pass war ein absolutes Highlight. Wunderschöne Altiplanolandschaft. Es war wie eine andere Welt und ich habe Schwierigkeiten, das in Worte zu fassen. Es fehlen einfach die Superlative dafür. Also lassen wir mal wieder Bilder sprechen.


Salar de Jama, an dem wir eigentlich die Nacht verbringen wollten


der naechster Salar, den Namen habe ich leider nicht mehr…


beeindrucken konnte er uns trotzdem


noch mehr beeindrucken konnte uns jedoch der Salar de Aguas Calientes, der mit fast schwarzem Wasser, einem der seltenen Jamesflamingos und einer Herde Vicuñas aufwarten konnte


Rueckseite des Salars


wir schrauben uns langsam nach oben


trockene Landschaften auf 4500 Metern


Laguna Verde in Bolivien – wir sind nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt (und erfahren spaeter, dass diese des oefteren von bewaffneten Bolivianern zur Autoerbeutung genutzt wird…)

San Pedro de Atacama liegt auf 2470 Metern, entsprechend ging es auf den letzten 45 Kilometern über 2000 Höhenmeter runter. Das war, trotz moderatem Einsatz, zuviel für unsere Bremsen. Nach leichtem Brandgeruch sind wir sofort runter von der Straße, aber die linke Vorderbremse qualmte schon fröhlich vor sich hin und bedurfte fünf Liter Wasser, um runterzukühlen. Uncool! Nach einer Stunde wollten wir unsere Fahrt fortsetzen, aber der Wagen wollte nicht: Bei jedem Anfahrversuch ruckelte er ohne Ende. Also zweiten Gang rein und langsam bei Motorbremse runterrollen… irgendwann fuhr er auch wieder. Dieses Auto kostet Nerven! Mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass das Problem bei der Kombination aus Dieselfilter/Luft-Diesel-Gemisch lag… haha, da kommt noch ein kleiner Mechaniker raus [oder auch nicht].


wenigstens war die Aussicht gut – Vulkan Licancabur, knapp 6000 Meter

Die Grenzkontrollen waren schnell erledigt, neben den üblichen Schränken schaute der Beamte in den Kühlschrank, deutete auf meine Tüte mit Mittelformatfilmen und fragte, was das ist. Ich entgegnete, dass es ‘Fotografia’ sei, worauf er reichlich irritiert reagierte. Auf seine Nachfrage reagierte ich ebenso irritiert und wiederholte es nochmal, dann kam raus, dass er ‘Pornografia’ verstanden hatte… ob man das hätte verzollen müssen? Oder gibt es ein Einfuhrverbot?
Wie auch immer, jetzt stehen wir hier in San Pedro, genießen nach den Tagen in der Höhe die Dichte der Luft und die wärmenden Sonnenstrahlen. San Pedro ist eines der touristischen Epizentren und ist es, ähnlich wie Pucon, wohl zurecht. Hundert Kilometer entfernt liegt das Geysirfeld von El Tatio, ums Eck ist das Valle de la Luna und rund herum natürlich die Atacama samt des Salar de Atacama. Aber das kommt dann die nächsten Tage…

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