Carretera Austral II

Offenbar gibt es zwei Wetterlagen: Dauerregen oder Dauersonne. Dazwischen erlebt man nur kurz in den Übergangsphasen. Der Dauerregen hörte am vierten Tag auf und mittlerweile haben wir seit einer knappen Woche Sonne und angenehme Wärme. Aber hier kann man sich drauf verlassen, dass trotzdem immer etwas nervt.
Möglichkeit 1: Es regnet ununterbrochen. Dafür gibt es keine Bremsen. Bester Aufenthaltsort ist irgendwo drinnen.
Möglichkeit 2: Wetter ist gut. Dafür hat jeder einen persönlichen Schwarm stechender, hornissengroßer Viecher um sich. Bester Aufenthaltsort ist irgendwo drinnen.
Blöderweise sieht man dabei eher wenig und so hatten wir erst einige Tage, an denen am Ende nahezu alles nass oder wenigstens feucht-klamm war und sind nun zerstochen. Wenigstens hat es sich gelohnt. Die Carretera Austral geht durch ein unglaublich schönes Fleckchen Erde. Das Auto hat auch nicht schlapp gemacht, einzig die Stoßdämpfer mussten etwas leiden und ein Topfdeckel hat die Schlaglochpiste nicht überlebt. Ja, die Straße… wir waren vorgewarnt, sonst wären wir wohl verzweifelt. Wo der Teer endet, beginnt eine völlig desaströse Stein/Dreck/Schlamm/Buckelpiste. Die grob geschätzten 350 km Schotter haben wir tatsächlich mit einem gesunden 25er-Schnitt absolviert. Erschwerend kommt hinzu, dass die Routenführung nicht eben wenig Steigungen mit sich führt. Etwas anstrengend für unser überladenes 72-PS-Monster. Erster Gang, zweiter Gang, zurück in den ersten…


oh, es regnet…


beste Wege. Aber wenigstens sieht man bei dem Wetter die Schlaglöcher


viele Radfahrer unterwegs auf der Carretera, und ich kann mir gut vorstellen, dass ich mich irgendwann einmal einreihe


Fels, Wald und Wolken als ständige Begleiter

Nach Puyuhuapi haben wir uns einen Fahrtag gegeben und sind den Großteil der Strecke bis Chaiten gefahren. Leider hat es pausenlos geregnet und landschaftlich haben wir nicht soviel mitbekommen, wobei zumindestens ich mich diesmal sowieso mehr aufs Fahren konzentrieren musste. Am Abend machten wir halt an den Thermen von Amarillo, ein hübsches Gelände mit einem großen Schwimmbecken, dass durch die vulkanischen Aktivitäten auf gemütliche 38, 39 Grad geheizt wurde. Der Abend war der letzte mit Regen und so saßen wir im warmen Wasser, während abwechselnd Hagel, Platzregen oder Nieselregen auf uns nieder ging. Die gesamte Gegend hier ist sehr bergig und man konnte wunderbar sehen, wie die Wolken durch das Tal und die Wälder gedrückt wurden.

Am nächsten Tag stand Chaiten auf dem Programm. Die Stadt, Fährknotenpunkt und im Prinzip Beginn der durchgehenden Carretera Austral (der viel kleinere Nordteil ist nur mit Hilfe einiger Fähren zu bewältigen), hatte bis 2008 knappe 8000 Einwohner, bis eines Tages unvermittelt der namensgebende Vulkan Chaiten ausbrach und die zehn Kilometer entfernte Stadt unter einer dicken Ascheschicht begrub. Einige Bewohner kehrten trotzdem zurück und mussten mit ansehen, wie 2009 ein pyroklastischer Strom bei einem erneuten Ausbruch Teile der Stadt unter sich begrub. Die meisten Schäden wurden aber wohl durch Schlamm- und Wassermassen verursacht, der ursprünglich neben der Stadt verlaufende Fluss änderte seine Richtung und führte nun direkt durch Chaiten ins Meer – was auch dazu führte, dass der ‘Strand’ jetzt nur noch über einen Kilometer Asche zu erreichen ist. Der Fährhafen, der geschützt am Nordende der Stadt lag, war aber weiterhin aktiv und dieses Jahr gab auch die chilenische Regierung ihr OK für eine Wiederbesiedlung der Stadt. Trotzdem sind die meisten Häuser zerstört und verlassen, insbesondere in Flussnähe. Zudem raucht der Vulkan fröhlich vor sich hin. Bei Gelegenheit gibt es eine kleine Bilderserie zur Stadt und dem Vulkan, aber das sprengt grade den Rahmen.


Der ehemalige Strand von Chaitén, dahinter raucht der dazugehörige Vulkan

Ausgehend von Chaiten begaben wir uns für fünf Tage in den Parque Pumalin. Die Parkhintergründe sind recht interessant, ist es doch kein Nationalpark, sondern in privater Hand des Esprit- und Northface-Gründers Douglas. Dieser wollte die Region vor dem Kahlschlag bewahren und kaufen mit seinem Privatvermögen hunderttausende Hektar Land auf – das nun über eine Stiftung zurück an den Staat gehen soll, aber nur als Naturschutzgebiet. Interessante Herangehensweise, auch wenn es etwas zynisch ist, dass die Gelder aus Esprit – definitiv nicht grade bekannt für gute Arbeitsbedingungen – jetzt in den Naturschutz fließen. Was etwas irritierend ist (allerdings nicht nur hier, sondern generell) ist die Herangehensweise einiger Reiseführer, die bei jeder Gelegenheit darauf hinweisen, dass man sich im Park gut verhalten soll, da es ein Privileg sei, auf diesem Privatgelände sein zu dürfen. Bei ähnlichen Gelegenheiten wird auf die Respektierung des Privatgeländes hingewiesen. Das ist ja schön und gut: Ich hätte auch keine Lust, Wild-Camper im Garten zu haben. Nur sind hier die Dimensionen anders und es geht nicht um den Hinterhof, sondern um Privateigentum, das sich über hunderte Quadratkilometer erstreckt. Besonders verrückt ist die Situation im argentinischen Patagonien, das zu großen Teilen einigen wenigen Familien (darunter der derzeitigen Präsidentin Kirchner) gehört. Ich sehe keinen Grund, Großgrundbesitz zu respektieren – dafür umso mehr Grund, die Natur zu respektieren. Das bedeutet für mich aber auch eine klare Absage an Ausbeutung natürlicher Ressourcen, wie sie hier mit dem Verweis auf Privatbesitz gemacht wurde und wird, beispielsweise das Abholzen großer Teile ursprünglichen Walds seitens der Holzwirtschaft. Ähnlich problematisch sind die Minengesellschaften, die unglaubliche Mengen toxischer Abfälle hinterlassen (wie Arsenverbindungen). Ein ähnlich großes Problem wird hier im chilenischen Patagonien die Energiewirtschaft. Nicht, dass ich Probleme mit nachhaltiger Energie hätte, im Gegenteil. Aber es ist grotesk, die letzten unerschlossenen Teile Chiles zu nutzen, um Massen an Wald zu entfernen und danach sämtliche großen Flüsse aufzustauen. Das denken auch die meisten Bewohner, weswegen sich hier eine couragierte Umweltbewegung gebildet hat: In jedem kleinen Städtchen finden sich Parolen gegen die geplanten Aufstauungen. Mit denen verbunden wären, da wäre das nächste Problem, riesige Überlandleitungen, die bis in den Norden Chiles verlaufen würden, um dort die Bergbauindustrie, allen voran der Kupferabbau, mit Energie zu versorgen. Naja. Genug des Exkurses, ich finde es nur problematisch, wenn wenige Menschen die Gelegenheit haben etwas zu besitzen, was allen (in verträglichen Maßen) zugänglich sein sollte – und das möchte ich nicht respektieren, sondern mich bewusst dagegen aussprechen. Daher freue ich mich auch über die freiwillige ‘Verstaatlichung’ (bzw. Vergesellschaftung) des Parkes. Irgendwann kommt dann auch noch der Exkurs über Grund und Boden in Lateinamerika, den aktuellen Landraub und die Verdrängung von Subsistenzwirtschaft für Soja-Monokulturen und die damit verbundene Verarmung großer Teile der Bevölkerung…


Überall findet sich der Spruch, übersetzt “Patagonien ohne Staudämme”

Was außerdem erfreulich war, waren die niedlichen Campingplätze. Anders lässt es sich wirklich nicht umschreiben. Sehr liebevoll gestaltet und wunderschön gelegen. Außerdem gab es einige wenige Wanderwege im Park, meistens zu Wasserfällen. Es ist beeindruckend, wenn man stundenlang durch den Regenwald läuft, um dann in einem Kessel zu landen, in dem von einer Seite das Wasser über einen 25-Meter-Fall runterkommt und auf der anderen abfließt. Ein anderes Highlight des Parkes sind die wenigen noch existierenden Alercen, die die hiesigen Pendants zu den nordamerikanischen Mammutbäumen sind und ebenfalls einige tausend Jahre alt werden können. Sie erreichen aber nicht die gleiche Höhe, sondern werden ‘nur’ 40 bis 60 Meter hoch, was dem harten Klima geschuldet sein dürfte. Trotzdem gibt es Exemplare mit einem Stammdurchmesser von über vier Metern und daneben fühlt man sich doch ziemlich klein. Ansonsten ist die Landschaft der Star, die bewaldeten Hügel, die Seen, das Meer…


Alerce

Wasserfälle, überall


Bei Caleta Gonzales, die Aufnahme ist charakteristisch für die Region, da es sehr hügelig ist


schöner Ort zum Geburtstag-Feiern (:


Der hellere Berg ist der Vulkan Machinmahiuda (oder so), >2000m hoch


Morgentau… die Nächte waren oft völlig vernebelt und erst am frühen Mittag lichtete er sich langsam und machte der Sonne platz

Hier sagen wir der Carretera Austral auf Wiedersehen und verabschieden uns damit auch von Patagonien. Schön war’s! Was folgt ist die Insel Chiloe, wir legen demnächst in Quellon an und begeben uns dann zügig nach Castro in die Werkstatt. Yippie!
[...]
Und da mittlerweile wieder einige Tage ohne Internet und auch nahezu ohne Strom ins Land gezogen sind, gibt es nur die Handvoll Bilder (ich sitze grad auf dem Marktplatz und nutze das freie Netzwerk). Die anderen Bilder werden nachgereicht. Sorry dafür, aber die Alternative hieße sich stundenlang ins Internetcafe setzen und dafür ist das Wetter grade entschieden zu gut. Grade sind wir in Castro, gleich fahren wir nach Achao und danach tingeln wir langsam ueber die Insel bis Ancud. Bis dann!

[flo]

This entry was posted in Uncategorized. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>