Chiloé

Wir sitzen mal wieder bei Mercedes-Kaufmann und warten auf unser Auto. Im Gegensatz zu den vorherigen Malen ist das hier jedoch nicht nur eine Werkstatt, sondern hat eher was von einem kleinen Dorf, mit eigenen Straßen und Verkehrszeichen… und obwohl wir im Herz des deutschen Kolonisationsgebiets sind, mussten wir uns bisher mit Spanisch durchschlagen. Mal hoffen, dass sich das ändert, falls es doch ein größeres Problem geben sollte. Grad wird das Getriebe aufgemacht und wir sind etwas nervös.
Die hier ansässigen deutschen Kolonisatoren sind übrigens, im Gegensatz zu vielen Deutsche in Argentinien, keine Altnazis, die sich hier einen ruhigen Lebensabend machen. Die meisten kamen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Gruselig wird es eher auf der anderen Seite der Anden in Bariloche, wo nach dem zweiten Weltkrieg viele NSDAP- und SS-Mitglieder Unterschlupf fanden. (Un)schönes Beispiel ist Erich Priebke. Der Wikipedia-Artikel ist lesenswert, dort wird auch auf die Verflechtung mit den örtlichen deutschen Vereinen eingegangen. Vielleicht finde ich nebenher noch etwas Zeit, um etwas tiefer auf die Thematik einzugehen. Grade die Mittäterschaft deutscher Behörden ist erwähnenswert… schon komisch, die KPD war Systemfeind Nummer 1 in den fünfziger Jahren, dafür wurden ehemalige Faschisten fast schon hofiert. Auch interessant ist die Unterstützung durch die argentinischen Behörden, die unter der eigentlich tendenziell eher sozial orientierten (ich will es nicht als links bezeichnen) Regierung Perons Fluchthelfer spielten. Allerdings sollte man Peron sowieso mit Vorsicht genießen, war er doch nicht grade abgetan von der Idee des Faschismus.

Doch erstmal zu Chiloé. Wir waren jetzt acht Tage auf der nach Feuerland größten Insel Südamerikas, die sich kulturell (angeblich) noch immer vom Festland unterscheidet. Bis vor einigen Jahrzehnten war die Anbindung ziemlich schlecht und die Inselbevölkerung schottete sich weitestgehend ab, auch wenn sie sich nach dem verheerenden Erdbeben von 1960 etwas öffnen musste. Wir haben von alldem wenig mitbekommen. Auffällig waren vor allem die unzähligen Feste, die hier grade gefeiert werden: Das Kartoffelfest und die Regatta und da ein Umzug und hier ein Dorffest und so weiter…
Was auch auffällt, ist der chilotische Baustil. Die Verwendung von Schindel statt Wellblech und vor allem die 150 Holzkirchen auf der Insel sind charakteristisch und haben teilweise auch die Deklaration als Weltkulturerbe gebracht. Für die Schindeln wurden sehr gerne Alercen benutzt, da das Holz so wetterstabil ist… so erklärt sich dann auch die fast vollständige Abholzung der ehemals großen Alercenwälder.


die Kirche von Villipulli, Weltkulturerbe

Von Queillon im Süden fuhren wir erstmal nach Castro, um dort wegen unserem Getriebeheulen zu fragen. Wie schon fast erwartet wurde uns ein kaputtes Lager diagnostiziert, allerdings hatten sie keine vernünftige Werkstatt vor Ort und haben uns jetzt nach Llanquihue geschickt, wo wir grade warten. Nach der Stippvisite in Castro ging es zügig in den P.N. Chiloé, wobei die Nationalparksbezeichnung etwas seltsam war. Wie üblich waren die angegebenen Wanderwege ein Witz und wir begnügten uns mit einem kurzen Halbtagesausflug und einigen Strandbesuchen. Trotzdem war es sehr schön, vor allem: Pazifik! Hier waren wir das erste Mal richtig am Pazifik und nicht in einem Fjord oder anderem. Dementsprechend hatten wir auch echte Brandung und Sandstrand… sehr schön! Einzig die Pferdebremsen waren mal wieder eine Plage, aber darauf waren wir schon gefasst.


Schön: Pazifik!


Unschön: Am Atlantik kann man Muscheln sammeln… am Pazifik tote Pinguine =/

Nach drei Tagen im Park fuhren wir zurück nach Castro, diesmal um die Stadt anzuschauen. Castro ist das Zentrum der Insel und dementsprechend hektisch ging es in der Stadt zu. Trotzdem war es schön sich mal wieder in der Zivilisation zu fühlen, mit allen Vorteilen: Nach Wochen der ‘Dürre’ gab es hier wieder gute Bäckereien mit Kuchen und Puddingteilchen und allem… yippie! Auch Chiloé hat deutschen Einfluss, weswegen man öfter ‘Kuchen’ liest als man vorher gedacht hätte. Auch der Besuch beim Bäcker in Ancud war lustig, die Bäckerei hatte nicht nur einen deutschen Namen, wir wurden an der Theke auch mit deutsch angesprochen.
In Castro besuchten wir noch das sehr geräumige Museum für moderne Kunst am Stadtrand, bevor wir weiter nach Achao auf der Insel Quinchao fuhren. Ein hübsches Kaff, wenig los, schöne Gebäude und ein sehr niedlicher Campingplatz… aber das war auch eigentlich alles. Nach all der Wildnis der Carretera Austral fand ich es streckenweise etwas öde durch soviel Kulturland zu fahren – und Chiloé wird, genau wie die umliegenden kleineren Inseln, größtenteils landschaftlich genutzt. Großartig ist allerdings der Ausblick bei gutem Wetter: Man sieht die gesamte Andenkette am Horizont aus dem Wasser auftauchen, obwohl sie weit über hundert Kilometer entfernt liegt.


Palafitos, die traditionellen Fischerhäuser an der Küste… vom Haus aus gibts normalerweise den direkten Einstieg ins Boot


vor Achao


die Andenkordillere am Horizont


Unser Campingplatz in Ancud, wunderschön gelegen. Wir hatten auch Glück und kaum Wind, sonst wären wir etwas ins Schwanken gekommen, die Stoßdämpfer sind nicht mehr die fittesten seit der Carretera.


Abendstimmung in Ancud

Über Ancud ging es dann zurück aufs Festland. Ab jetzt sind es bis hoch nach Santiago nie mehr als 150km zur nächsten Mercedes-Werkstatt, haha.


Festland… am Lago Llanquhue, mit Blick auf den perfekt geformten Vulkan Osorno

[...]

Mittlerweile sind wir in Valdivia, 200km entfernt. Spontaneität ist alles! Bei Mercedes hieß es, dass, wie erwartet, ein Lager kaputt ist – das wäre verfügbar. Aber es müssten noch die Kupplungsscheiben ausgewechselt werden – und die gibt es nirgendwo mehr. Scheiße! Die Alternative wäre es aus Deutschland nach Santiago zu schicken, viel Zoll zu zahlen und zu hoffen, dass der Wagen hält. Dementsprechend gelaunt verabschiedeten wir uns bei Kaufmann und sind an der ’1. Feuerwehrkompanie Llanquihue’ vorbei auf den Campingplatz Baumbach gefahren, wo gleich auf Deutsch begrüßt wurden. Aber wir hatten auto-technisch die Rechnung ohne Martin und Jutta (die Vorbesitzer des Wagens) gemacht, die allerbestens vorbereitet gen Südamerika gestartet sind und die Ersatzteile natürlich im Wagen gelassen hatten: Zwischen Dichtungen, Bremssätzen und mehr hatten wir tatsächlich ein gesamtes, ca 15kg schweres Kupplungsscheibenset dabei! Der Jubel war groß (unsere Platznachbarn haben etwas befremdet geschaut) und die Gesichter bei Kaufmann am nächsten Morgen waren ähnlich. Da sie es nicht am gleichen Tag geschafft hätten, haben wir innerhalb von 20 Minuten alles wichtige eingepackt und sind im nächsten Bus losgefahren. Jetzt steht unsere alte Dame in der Werkstatt und bekommt das neue Set eingebaut. Hoffen wir, dass sie mit ihrer Diagnose recht hatten… wir sind etwas nervös, doch voller Hoffnung. Immerhin haben wir in letzter Zeit gelegentlich diskutiert, wie sinnvoll das Auto war, auch aus finanzieller Sicht. Aber nachdem wir grade den ersten ganzen Tag ohne haben und auf Hostels, Supermärkte und unsere Rucksäcke angewiesen sind: Nie mehr ohne! Ohne unsere fahrende Wohnung würden wir die Reise kaum machen. Manchmal muss man etwas reisen um die Vorzüge zu Hause schätzen zu lernen… und so ist das auch mit dem Wagen. Man muss erstmal ohne auskommen um zu merken, wie schön es sich mit ihm reist.

Zu Valdivia werden wir auch noch schreiben, es deutscht hier noch mehr als in Llanquihue, aber wir haben auch die allerbeste Zeit erwischt, grade startet das Bierfest, mit freundlicher Unterstützung der chilenischen Burschenschaften (die im rechten Dachverband der Burschenschaften mitorganisiert sind). Großes Kino! Davon und von anderem das nächste Mal mehr.

[flo]

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