Calama, Chuquicamata und die Pazifikküste

Calama ist eine der wenigen Städte, bei denen der Lonely Planet mit seiner Beschreibung ins Schwarze trifft: diese Stadt ist tatsächlich ein Drecksloch. 16.000 der 140.000 Einwohner arbeitet direkt bei der Mine Chiquicamata und der Rest arbeit dem auf allen erdenklichen Wegen zu. Die Mine ist für die Stadt das, was für Erlangen Siemens, Areva und die Uni zusammen sind, nämlich der Hauptarbeitgeber und irgendwie auch die einzige Existenzberechtigung. Keine Mine, keine Beschäftigten, keine Stadt. Wobei ich angesichts der Erlanger Wohnungspreise und meiner dezenten Ablehnung der Atomkraft immer noch hoffe, dass Areva pleite geht.
Wie auch immer, die Stadt existiert also wegen dieser Mine und das merkt man an allen Ecken. Zunächst ist alles sponsorbare von der Minengesellschaft gesponsert – mich hätte es nicht verwundert, wäre die Polizei es auch gewesen. Desweiteren wehen von Zeit zu Zeit angenehm duftende Schwefelwasserstoffbrisen in die Stadt (für nicht-Naturwissenschaftler: der Geruch fauler Eier). Und nachdem viel Geld irgendwo hin muss – denn was macht man in einer Stadt, die in der Wüste liegt und sonst nichts zu bieten hat? – gibt es hier die vermutlich höchste Dichte an Riesen-Einkaufszentren und -malls. So ist es dann auch wenig verwunderlich, dass wir vorhin beim Einkaufen die ganze Palette Importprodukte in der Hand hatten – von billigen deutschen Lebkuchen (gekauft! Jetzt wird Weihnachten nachgeholt) bis hin zu Öttinger (das ist schon fast zu klischeehaft, aber trotz des Imports ist Öttinger noch das billigste Bier!). Dazwischen Nutella, mehrere Dutzend andere deutsche Biere und so weiter. Hübsch an dieser Stadt ist auch ihr Speckgürtel: Der besteht nicht, wie man vermeintlich denken könnte, aus den Villen der Besserverdiener. Nein, um die Stadt zieht sich ein Gürtel aus Müll. An einem Punkt ist es wohl die offizielle Müllkippe der Stadt, aber der Übergang von Müllkippe zu Stadtgebiet ist fließend und auf der anderen Seite der Stadt schaut es genauso aus. Soweit also zu Calama, viele Gründe zum Bleiben gibt es somit nicht. Trotzdem verbringen wir gleich die zweite Nacht hier, denn Strom und Internet üben grade eine magische Anziehungskraft auf uns aus. Filme schauen und Sachen erledigen… hurra. Dazu gehört dann auch endlich das Informieren zwecks Weiterstudieren bzw. das Wählen des kleinsten Übels. Grade war wieder ein netter Artikel auf ‘Zeit online’, in dem sich irgendjemand wichtiges darüber auslassen durfte, wie wichtig Flexibilität und Mobilität sind. Ahja. Selbstverständlich zählt das nur für Studenten, Auszubildende, Lohnarbeiter… kurzum, für das Humankapital. Also wird das überall-verfügbarsein zum höchsten Gut ausgelobt und unsere atomisierte Gesellschaft von Einzelkämpfern darf den Konkurrenzkampf weiter vorantreiben. Hervorragend! Das mehr Konkurrenz und Wettbewerb zu immer prekäreren Bedingungen führt Flexibilität auch andersrum laufen kann scheint sich noch nicht soweit rumgesprochen zu haben… Ich hätte ja auch Lust mich über die ‘Lebenslaufproblematik’ von einem (oder mehreren) Pausenjahr(en) auszulassen und ganz besonders über die sofortige Erwiderung, dass man das doch auch ‘gut verkaufen’ könnte, aber das würde ausufern und wahrscheinlich die wenigsten interessieren. Ein Zitat möchte ich aber vor allem angesichts der hiesigen Lokalität ausgraben, und zwar von Engels (ich weiß, gehört besonders in Bayern nicht zum guten Ton ihn zu zitieren, aber glücklicherweise sind die Worte nicht von Marx, haha). Der Zusammenhang ist der kapitalistische Umbruch in England, als sich die abstrakte Arbeit (Lohnarbeit) endgültig durchsetzte:

“Nichts ist fürchterlicher, als alle Tage von morgens bis abends etwas tun zu müssen, was einem widerstrebt. Und je menschlicher der Arbeiter fühlt, desto mehr muss ihm seine Arbeit verhasst sein, weil er den Zwang, die Zwecklosigkeit für sich selbst fühlt, die in ihr liegen.”

Zurück zu Calama: die erwähnte Mine kann man besichtigen und wir ließen uns für die geführte Tour eintragen. Dabei war von vornherein klar, dass es ähnlich wie die Schulbesuche im Atomkraftwerk eher eine schöne Propaganda-Schau werden würde (‘Atomkraft ist umweltverträglich und ungefährlich’). Das wurde auch sehr schnell bestätigt: Der erste Stop des Busses war die ehemalige Stadt Chiquicamata mit früher über 20.000 Einwohnern, die neben der Mine positioniert war und wegen der extremen gesundheitlichen Belastung durch den nahen Kupferabbau und die damit verbundenen Stäube und Gase schließlich komplett geschlossen werden musste. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Umsiedlung erst dann durchgeführt wurde, als Chile einem internationalen Umweltabkommen beigetreten ist… die Belastung gab es also schon vorher, nur störte sich daran niemand. Bringt ja immerhin eine Menge Geld, dieses Loch. Die Umweltproblematik wurde natürlich nicht während der Besichtigung erwähnt, sondern lediglich die Tatsache, dass sie wegen der nahen Mine umgesiedelt wurde. Gleichzeitig wurde man angehalten, von jedem der riesigen Abraum-Transporter Fotos zu schießen… in der Geisterstadt war Fotografieren verboten. Menschenleere Städte passen wohl nicht zur sauberen Kupfergewinnung?
Die Mine war sowohl beeindruckend als auch etwas erschreckend, der Tagebau ist fünf Kilometer lang, drei Kilometer breit und fast ein Kilometer tief. Was für ein Loch! Die Mine hatte früher 80% des Exports ausgemacht, mittlerweile ist es ‘nur noch’ ein Drittel. Da sie verstaatlicht wurde, kann man sich vorstellen, wie enorm wichtig sie für Chile ist. Da verwundert es wenig, dass Kritik eher weniger angesagt war und die Arsen-haltigen Abwässer jahrelang direkt in die Wüste geleitet werden konnten… herrlich.

So. Genug geschimpft. Wir fahren jetzt ans Meer.


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Das Loch


kleiner Ausschnitt aus dem vorherigen Bild

[...]

Dem Meer sind wir jetzt die letzten paar Tage gefolgt und stehen grade in Iquique, einer dank der hier errichteten Freihandelszone prosperierenden Großstadt. Mitten in der Wüste. Was für ein hässlicher Betonklotz. Wenigstens gibt es in der Innenstadt einige hübsche alte Holzhäuser und auch das Eis war ganz gut…
Zurück zum Anfang: Nach der Mine begaben wir uns auf die kilometerlange Bergabfahrt nach Tocopilla, einem weiteren Drecksloch. Aber sowas von! Die Stadt liegt eigentlich sehr hübsch an der Küste, aber die wird von einem dicken, gelben Schaumteppich gesäumt. Algenblüte, wo die wohl herkommt? Wird hier nicht überall Nitrat abgebaut? Aber nicht nur das Meer sah desaströs aus, auch die Stadt war ein einziger Schutthaufen. Die paar Hundert Truthahngeier am Ende der Stadt werden nicht umsonst ihr dasein fristen. Überhaupt, die Pazifikküste. In vielen Berichten steht, dass die Strände teilweise recht vermüllt seien. Mit anderen Worten: Die gesamte Küste ist eine gigantische Müllhalde. Und das sind keine Sachen, die da aus Asien rübertreiben (oder von was weiß ich wo). Der Müll ist hauptsächlich chilenisch, leider sind es auch nicht nur ein paar Schuhe, sondern Zylinderkopfdichtungen, alte Autobatterien, hin und wieder andere Industrieteile, jede Menge leere Ölflaschen und große Mengen Plastik in allen erdenklichen Formen. Da macht das Schwimmen doch richtig Spaß! Teilweise war es so heftig, dass wir an den Stränden nicht mehr geblieben wären. Lustigerweise ist es nicht nur eine riesige Müllkippe, sondern auch ein ausgedehnter Friedhof, nur, dass es hier statt Pinguine jetzt Kormorane und Robben anspült.


lecker Schaumteppich


lecker Seelöwenrest

Am Ende hatten wir nur einen Übernachtungsplatz am Meer, den wir mit Axel und Suse sowie Norbert und Ute teilten, alle vier auf dem Motorrad unterwegs. Es war sehr schön mal wieder ‘in Begleitung’ unterwegs zu sein, insbesondere, da wir eine kleine, noch relativ unverschmutzte und fast idyllische Bucht fanden, inklusive Pelikan-Felsen im Meer.


haha, wir müssen kein Zelt aufbauen :D


das weiße ist übrigens jenes berüchtigte Guano, nach denen sich die Göttinger Bands in sinnfreier Verbindung mit den Affen benannte… kurz: Gehärtete Vogelscheiße und bester Dünger


Pelikane!

Wir verbrachten, entgegen unserer Gewohnheiten, gleich zwei Nächte dort und fuhren danach direkt weiter nach Iquique. Auf dem Weg nutzten wir noch ein Badestrand aus, was zu einem weiteren wunderschönen ‘Seehund-Erlebnis’ (siehe Camarones und Capo dos Bahias) führte. Kurz nachdem wir uns in die Wellen warfen, tauchte vor uns eine ganze Seehundfamilie auf, die in den Wellen zu surfen schienen und uns neugierig über Wasser beobachteten. Teilweise waren sie nur wenige Meter entfernt und ich weiß nicht ob wir oder sie neugieriger waren. Die Wellen waren ebenfalls großartig, meterhohe Brecher, davon können Nordsee und Mittelmeer nur träumen.

Seit vorgestern sind wir jetzt in Iquique. Wir hatten gehofft, langsam das ‘okay’ für das Auto zu bekommen, wir versuchen derzeit, es bei La Paz zu vertickern. Dadurch würden wir uns knapp 4000 Kilometer Rückweg sparen – mindestens drei Wochen Autofahren versus ein paar lange Busfahrten. Aber momentan schaut es nicht so gut aus, mal sehen, was wir machen werden. Erstmal fahren wir nachher weiter und schlagen dann in ein paar Tagen in Arica auf.

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