Arica oder: Goodbye Chile

Wir sind in Arica angekommen, der noerdlichsten groesseren Stadt Chiles, die wahrscheinlich naeher am Panamakanal liegt als an Feuerland. Wie ihr seht, gibt es weder Bilder noch ein vernuenftiges Schriftbild, denn ohne Strom kein Laptop und so muss ich mich mit Stromausfaellen im Internetcafe und fehlenden Umlauten rumschlagen.

Eine kurze Rueckblende: Von Iquique aus fuhren wir fuenfzig Kilometer ins Landesinnere. Das bedeutet: Erstmal wieder das 1000-Meter-Brett hoch, das die Kueste vom Landesinneren unterscheidet, im Prinzip ist die gesamte Pazifikkueste naemlich eine Steilkueste. Nach eineinhalb Stunden hatten wir uns hochgequaelt und landeten im Ex-Oficina Humbertstone, einer alten Salpeterstadt. Salpeter bezeichnet Nitratsalze, die wesentlicher Bestandteil von Duenger sind, da der beschraenkende Faktor vieles Pflanzenwachstums bei mangelndem Nitrat liegt. In Nordchile gab und gibt es riesige Lagerstaedten davon, sodass hier eine gigantische Nitratabbau-Industrie entstand. Interessanterweise entstand diese auf bolivianischem und peruanischem Boden, erst durch den Pazifikkrieg in der zweiten Haelfte des 19. Jahrhunderts riss sich Chile den heutigen Norden unter die Naegel, verkuerzte damit Peru und nahm Bolivien die einzige Verbindung zum Meer. Ohne den Krieg waere Bolivien heute sicher nicht das Armenhaus Suedamerikas, das es leider ist… naja, ohne die moderne Marktwirtschaft auch nicht.
Der Salpeterabbau explodierte kurz nach der Jahrhundertwende foermlich und erreichte seine Maxima in den Jahren um den ersten Weltkrieg. Warum? Die chilenische Geschichtsschreibung will davon nichts wissen, aber der Export boomte, da Nitrat nicht nur als Duenger, sondern auch fuer die moderne Kriegsfuehrung in Form von Schwarzpulver und als Grundlage fuer Dynamit-Derivate von enormer Bedeutung war. So erklaert sich auch das Rekordjahr von 1917… Fuer Deutschland war es damals uebrigens sehr problematisch, mittels der britischen Seeblockaden von dem guten Chile-Salpeter abgeschnitten zu sein. Zu schade, dass das nicht reichte, denn puenktlich zur versiegenden Salpeterquelle aus Uebersee entwickelten Fritz Haber und Carl Bosch das Haber-Bosch-Verfahren, in dem unter hohem Energieaufwand eine Synthese von elementarem Stickstoff und elementarem Wasserstoff zu Ammoniak stattfindet, das dann weiterverarbeitet werden kann. Das war historisch das Todesurteil fuer den Salpeterabbau in Chile. In den fuenfziger Jahren schlossen die letzten Oficinas (aktuell gibt es noch zwei, die sich halten koennen, jedoch nur ueber die Jod-”Nebenproduktion”) und uebrig blieben Dutzende Geisterstaedte jenseits der Panamericana. Und in zweien konnten wir nun rumschlendern, in dem Oficina Humbertstone sowie dem Oficina Santa Laura. Bilder sagen mal wieder mehr als Worte, aber die muessen noch warten. Beide Staedte waren sehr interessant, vor allem, da man die alten, halb verschrotteten Fabrikanlagen betreten durfte. In Deutschland haette man das knicken koennen… aber hier machte es riesig Spass, durch die baufaelligen Gebaeude zu laufen, das alte Theater zu besuchen, in das riesige, kupferne Freibad zu steigen, im kleinen Basketball-”Stadion” umherzulaufen… wie gesagt, Bilder folgen ;)

Eine Nacht verbrachten wir zwischen den Oficinas, wo unser Auto wieder aus unerklaerlichen Gruenden des Nachts das Schwanken begann. Die Aufloesung folgte gestern beim Blick in die Erdbeben-Historie, wir hatten ein kleines 5.2-Erdbeben gute hundert Kilometer entfernt. In Iquique hatten wir schonmal eins, das fuehlt sich seltsam ein, ein wenig wie Massagesessel, nur dass das ganze Auto vibriert.

Die naechste Nacht standen wir in der Wueste vor Arica, auf einem kleinen Parkplatz einer kleinen Nebenstrasse. Die Chilenen scheinen eher doch geselliger zu sein und Ruecksicht ist etwas eher unbekanntes, um drei Uhr nachts hielt genau hinter uns die Party-Crew aus Arica und drehte ihre schaebige Anlage auf. Aaargs! Das ist etwas, was ich hier echt nicht packe. Wir sind dann vierhundert Meter weitergefahren… In Arica gibt es offenbar keine Campingplaetze, dafuer soll man an allen Straenden naechtigen duerfen. Prima, gibt halt keine WCs… aber was soll man machen. Die erste Nacht waren wir am Stadtstrand, grosser Fehler! Auch das hier war eher die Party-Area und wir konnten ein weiteres Mal das halbe Dutzend Sommerhits in Dauerschleifen hoeren. Um drei Uhr. Nachts. Jetzt stehen wir ein paar Kilometer ausserhalb am Surferstrand, an dem man nicht schwimmen soll. Die Wellen sind grossartig, das gestern gefundene, rollenlose Skateboard wird in seiner urspruenglichen Entwicklung wieder zurueckschreiten und als Surfbrett dienen. Ich bin gespannt! Neben Skateboards liegt allerhand anderes Holz am Strand, zwischen Wasser und Sand liegt ein “Holzsaum”, der teilweise einen Meter hoch ist. Wir sind in der Wueste, wo kommt das alles her? Zum Feuermachen taugt es auf jeden Fall, das dachten sich auch die Spassvoegel, die am Stadtstrand den groessten Holzhaufen (mehrere Kubikmeter Holz) in Brand setzten.
Haha, super Geschichte auch das Busfahren gestern: Bis zum Strand waren es nur zwei Kilometer (wir lassen den Wagen fuer Kurzstrecke stehen) und ich konnte nicht laufen, da ich mir die Fussunterseite etwas aufgeschnitten hatte (beim Baden…). Also Bus genommen – der Busfahrer hatte seine ganze Familie im Gepaeck, bei einem Stand haben sie dann erstmal Picknick geholt… fuer die zwei Kilometer haben wir mehr als eine halbe Stunden gebraucht. Aber ist ja Ostern (:

Fuer uns heisst es morgen Abschied nehmen von den Staedten Chiles, wenn wir weg sind wuerde ich die Korken knallen lassen, haetten wir entsprechendes dabei. Diese permanente Ruecksichtslosigkeit geht mir immer mehr auf die Nerven, da koennen die Chilenen noch so freundlich sein – was sie hier im Norden aber auch nicht mehr wirklich sind. Und das Autofahren in den Staedten ist einfach desastroes fuer meine Nerven. Nach fast einem halben Jahr und mehr als 15000 Kilometern habe ich bis auf eine (der Boulevard hat immer Vorfahrt) noch immer keine Verkehrsregeln bemerkt, dafuer fahre ich im permanenten Alarmzustand. La Paz wird auch nochmal eine Katastrophe, aber hoffentlich die letzte: Wir haben Kaeufer fuer unseren Bus gefunden, die mit ihm nach Ecuador hoch wollen. Das wird sicher eine schoene Strecke, aber fuer uns ist es bis La Paz genug. Es gibt soviel zu entdecken in der Umgebung und der Bus wuerde uns eher hindern als helfen. Campingplaetze gibt es de facto keine mehr, dafuer sind Unterkuenfte so billig wie hier die Campingplaetze. Unseren Komfort wird das zwar etwas beschneiden, aber fuer zweieinhalb Monate geht das schon klar. Ausserdem haben wir ja noch die Abschiedstour, denn bis La Paz sind es noch 500 Kilometer, davon gehen die ersten 200 Kilometer auf ueber 4500 Hoehenmeter hoch. Wir quaelen unsere Alte Dame also nochmal etwas ueber das Altiplano. Dafuer sehen wir den Parque Nacional Lauca, der wunderschoen sein soll… Bilder folgen dann in La Paz. Da es bis dahin auch keine ernstzunehmenden Staedte mehr gibt, heisst es erstmal Funkstille… bis in zehn Tagen.

flo

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3 Responses to Arica oder: Goodbye Chile

  1. Axel & Suse says:

    Mist, das Internte hier in unserem Hostel in Sucre ist dermassen langsam dass ich den Kommentar nochmal schreiben muss, aber natürlich nichtnehr weiss was ich geschrieben hab.
    Freut mich jedenfalls daß ihr einen Käufer für den Bus gefunden habt und hoffe es klappt alles.
    Wir wollen nächste Woche auch nach La Paz – vielleicht sehen wir uns ja nochmal.
    Ute und Norbert waren auch grad da
    Grüsse
    axel

  2. Axel & Suse says:

    Freut mich dass ihr nen Käufer gefunden habt.
    Wir sind mittelrweile in Sucre, waren am Salar de Uyuni und in Potosi und wollen als nächstes auch nach La Paz.
    Vielleicht treffen wir uns ja nochmal
    Grüße
    Axel

  3. Michi M says:

    oh man ich war schon ganz schön lang nicht mehr auf eurer seite… ganz schön viel nachzuarbeiten.
    ich wollt euch nur mal sagen, dass ihr das ziemlich cool gestaltet! also es ist wirklich interessant zu lesen und die bilder sind einfach super genial. sogar meine eltern schaun immer wieder mal was es grad zu sehen gibt :D
    flo, ich bin dafür, dass du auf der stelle dein studium abbrichst und fotograf wirst!
    liebe grüße und bis bald…oder?
    michi

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