‘The Strongest’ vs ‘Real Potosi’

Was muss man in Südamerika erlebt haben? Richtig, Fussball! Bisher beschränkte sich unsere Stadionerfahrung auf den Grottenkick von Colo Colo gegen Concepcion, den wir in Santiago besuchten. Da es drei Mannschaften aus La Paz gibt, findet im Nationalstadion jedes Wochenende ein Spiel statt, in diesem Fall ‘The Strongest’ (bester Name!) gegen ‘Real Potosi’.
Da Bolivien entspannter ist als Deutschland, trödelten wir noch etwas durch die Stadt und genehmigten uns ein Eis, bevor wir eine halbe Stunde vor Spielbeginn auf Karteneinkauf gingen. Die Haupttribüne hätte 50 Bs gekostet, aber wer will schon auf die Haupttribüne? Wir folgten den Fanströmen und gelangten schließlich zur Südkurve, vor der wir für je 15 Bs zwei Karten bekamen (etwa 1,50€). So muss das sein! Das Stadion ist richtig schön, zwar mit Leichtathletikbahn und daher weitläufig, aber mit einem Ober- und einem Unterrang und Platz für mehr als 40.000 Zuschauer. Aus Potosi waren keine Gäste angereist, verständlich angesichts einer Entfernung von 550 Kilometern. Dafür war das Stadion mit 6000-7000 Besuchern erstaunlich gut gefüllt – mehr als gedacht zumindest. Wir machten es und in der ersten Halbzeit auf dem Unterrang bequem, nahe der Blaskapelle und den fanatischeren Fans. War mir der Verein erst etwas suspekt, da er tendenziell eher die Upper Class repräsentiert, konnte ich mich an den ‘Resistencia Antifascista’-Transparenten erfreuen.
Die Atmosphäre war angenehm, musikalisch, von Gesang unterlegt und durch die zahlreichen Essensverkäufer_innen reichlich wurstgeschwängert. Schwaden von Fleischgeruch jeglichen Alters hingen in der Luft, ich fürchte und vermute, dass auf den Boden fallende Reste einfach verwesen, anstatt weggeräumt zu werden.
Pünktlich zum Anpfiff wurde uns der Unterschied zu Chile gezeigt: zahlreiche Feuerwerkskörper wurden abgefeuert, es krachte und knallte im Rund, jetzt haben wir unsere Entschädigung für ein feuerwerksloses Silvester in Bajo Caracoles. Das Spiel begann ebenso grottig wie das in Santiago endete, Fehlpass reihte sich an Fehlpass und laufen wollte auf der Höhe offenbar niemand. Erst mit dem 0:1 für Potosi, eine halbe Stunde nach Anpfiff, begann das Spiel so richtig. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte glich ‘The Strongest’ aus und das Stadion erfüllte sich erneunt mit explodierenden Geschossen.
Die zweite Halbzeit verbrachten wir, nachdem wir uns für 10 Bs Pausensnack geholt hatten, auf dem Oberrang, von dem aus man eine nette Aussicht auf das umliegende La Paz hat. Während unten die Band spielte und gesungen wurde, wurden zwanzig Meter neben uns ein halbes Dutzend gelber Rauchbomben gezündet, bevor ein kleiner Junge seine Kracher-Batterie anzündete. Die funktionieren hier so, dass kleine China-Kräcker in die Luft geschossen werden, wo sie dann explodieren, bevor sie auf den Boden kommen. Hoffentlich.
Das Spiel zeigte etwas mehr Klasse, ‘Real Potosi’ ging 2:1 in Führung. Die ersten Fans begannen das Einpacken, doch ‘The Strongest’ glichen durch einen Foulelfmeter (der keiner war) aus und schafften es, wie durch ein Wunder, einige Minuten später 3:2 in Führung zu gehen. Jetzt war gut was los auf den Rängen, irgendetwas sehr, sehr lautes wurde gezündet. Im deutschen Polizeibericht wäre das dann als Bombe durchgegangen, haha. Nebenbei gab es noch drei Platzverweise, sodass sich das Feld langsam lichtete. Die zweite Halbzeit bekam fünf Minuten Nachspielzeit und der Torwart von Potosi ging mit nach vorne. Was für Aufregung! Er wurde tatsächlich angespielt, setzte seinen Mitspieler gut in Szene, der dann den Ball aufs Tor brachte, wo er dann irgendwie hinter die Linie gestochert wurde – Ausgleich. Wütende ‘Hijo de puta’ (Hurensohn)-Schreie gellten durchs Stadion, lustigerweise beteiligten sich bei der Familie vor uns alle sprechfähigen Individuen daran. Das Spiel war eine Minute später vorbei, was zu noch wütenderen Protesten Anlass gab, sodass schließlich ein Mannschaftszug Polizei in Kampfmontur aufs Spielfeld lief und die Schieds- und Linienrichter abschirmte. Nach zehn Minuten gingen sie dann alle zusammen in die Kabine, Formation Schildkröte – wer den Asterix-und-Obelix-Film gesehen hat, der weiß wovon ich spreche. Das war auch bitter nötig, denn von der Haupttribüne regnete es Wurfgeschosse. Herrlich, Bolivien at its best. Und weil der Name der Gastgeber so großartig war, mussten wir uns für ein paar Euro noch mit Fanutensilien eindecken, bevor wir das nächstbeste Collectivo nahmen und uns zurück nach Mallasa fahren ließen… wo uns die letzte Nacht im Bus erwartete.


Fankurve… wie die anderen Bilder von Cora


Eskorte (:

In La Paz sind wir jetzt schon seit fünf Tagen, aber bisher hatten wir jede Menge zu tun. Bus freiräumen, ins Hostel umziehen, Schneiderei, Schuster, Sachen besorgen… was in La Paz bestens geht, die gesamte Stadt scheint ein riesiger Markt zu sein und die chaotische Betriebsamkeit erinnert mich immer wieder an Kathmandu. Zurzeit sind wir in der Calle Jiminez untergekommen, die Gegend ist besser bekannt als ‘Hexenmarkt’. In zahlreichen kleinen Läden gibt es alles von erbärmlich riechenden Kräutern und ominösen Glücksbringern bis hin zu getrockneten Lamaföten in verschiedensten Größen und Entwicklungsstadien; wir leben sozusagen im Lamafötenkiez. Beim Hausbau soll ein Fötus mit eingebaut werden, um Unheil und anderes Ungemach abzuwenden. Soso. Ich frage mich noch immer, wie die Föten gewonnen werden. Gibt es Lamaabtreibungsfabriken? Oder sind das Ergebnisse inzestiöser Zuchtbemühungen? Oder läuft das wie bei Stören, denen der Kaviar ‘rausoperiert’ wird? Gruselige Vorstellungen, wenn ich auf des Rätsels Lösung komme, gebe ich es hier kund.

Nachdem unsere beiden Buskäufer sich doch von den Bergen rund um La Paz haben begeistern lassen, geht es erst Ende nächster Woche weiter. Somit verweilen auch wir noch etwas, ursprünglich wollten wir den Choro-Trail machen, der tief in die Yungas – das bolivianische Tiefland – hineinführt. Allerdings hält sich die Regenzeit hartnäckig und für Coroico, den Endpunkt der Tour, wurden über 30mm Niederschlag vorhergesagt. Uncool! Also haben wir gestern abend kurzfristig unseren Plan geändert und fahren morgen früh nach Copacabana an den Titicaca-See, um von dort auf die Isla del Sol überzusetzen und diese zu umwandern. Für die 160 Kilometer sind vier Stunden Fahrt veranschlagt, das wird sicherlich eine spaßige Angelegenheit. Aber jetzt kanns uns ja egal sein, der Bus steht sicher in La Paz und ich kann endlich mal schlafen beim Fahren.

[flo]

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