Typhus vs. Krankenhaus

Was man in Cuzco alles machen kann: Machu Picchu besuchen, sich ständig anquatschen lassen, Typhus holen. Aber von vorne.

Wie erwähnt hatte ich über 39° Fieber nach der Rückkehr aus Peru. Die Tage davor fühlte ich mich schon nicht so gut, sodass wenig Hoffnung bestand, dass es nur eine kleine Infektion ist. Neben Fieber hatte ich unglaubliche Kopf- und Gliederschmerzen, gegen die selbst Ibuprofen machtlos war. Irritierend war, dass ich gleichzeitig Bauchkrämpfe, aber kein Durchfall oder ähnliches hatte. Es gibt nicht viele Möglichkeiten, die Magen-Darm-Probleme mit Grippe-Symptomen kombinieren.

Wie auch immer, am Tag des Fiebers war ich in einer Agency, um nach einem kombinierten Trip Condoriri-Trek/Huayna Potosi zu fragen. Cora wollte nicht mit auf den Condoriri-Trek (durchgehend über 4600 Meter) und alleine wollte ich nicht gehen, insbesondere, da der Bergführer, mit dem ich in der Agency sprach, vor ein paar Wochen dort einen toten Deutschen gefunden hat. Die Rahmenbedingungen waren schnell abgesteckt: Ich würde wenig zahlen und er gibt mir als Begleiter seinen bergbegeisterten Neffen mit. Coole Sache! Am Abend kam dann das Fieber, sodass Cora am nächsten Tag zur Agency ging, um die Tour zu verschieben. Und siehe da: Der Chef ist gleichzeitig Doctore. Ich fasse mich kurz: Die nächsten Tage ging es mir besser, aber so ganz fit fühlte ich mich nicht. Als ich dann nochmal das Fieber erwähnte, schickte er mich zu einem seiner Bekanntschaften, damit ich dort einen Bluttest machen lassen kann. Und tatsächlich… Typhus-positiv.

Ich muss ein wenig ausholen, um das zu erklären. Erstmal ist Typhus leider keine der Krankheiten, die eigentlich nicht mehr vorkommen. Typhus ist eine Salmonellen-Erkrankung. Bei Salmonellen gibt es die Möglichkeiten der Salmonellose (Brechdurchfall), des Typhus und des Paratyphus (abgeschwächte Variante). Während die Salmonellose sehr schnell und heftig einsetzt und dafür oft nach einigen Tagen vorbei ist, ist das bei Typhus nicht der Fall. Die erste Krankheitswoche leidet man vor allem unter leichtem Fieber, Kopf- und Gelenkschmerzen… also allgemeinen Grippesymptomen. Ab dem achten Krankheitstag wird es dann brutal: Dauerhaft hohes Fieber (>40°) und eine damit verbundene Bewusstseinsstörung. Ferner Durchfall und andere unschöne Sachen, insgesamt kann der Zustand wochenlang anhalten, mit mindestens 30%iger Letalität bei fehlender Behandlung. Kurz: Große Scheiße. Unser Doctore hat uns also davor bewahrt, denn ohne ihn wäre ich nie auf die Idee gekommen, es könnte etwas derartiges sein. Somit hätte ich gewartet, bis es richtig ausgebrochen wäre. Bei Cora gab es keinen Bluttest – die Nadel war zu dick für ihre zarten Venen. Aber da sie auch Bauchkrämpfe und erhöhte Temperatur hatte, gingen wir davon aus, dass wir uns gemeinsam infiziert hatten. Immerhin hat Cora eine Typhus-Impfung (60-70% Schutz), sodass der Krankheitsverlauf weit weniger heftig gewesen wäre.
Man bekommt schon einen Galgenhumor, wenn einem die Diagnose gegeben hat. So à la
‘Weißt du was ich mir letztens geholt habe?’
‘Was denn?’
‘Typhus.’
oder
‘Liebe ist, wenn man sich die Salmonellen teilt’.

Nach dem Bluttest ging es recht schnell. Der testende Arzt hatte uns zehn Tage Chloramphenizol empfohlen, da ich keine Chinolone nehmen darf. Das Antibiotika darf in Bolivien wohl nur noch für Tiere eingesetzt werden und ist im Vertrieb verboten, trotzdem bekamen wir es in der zweiten Apotheke… uns wurde jedoch später mitgeteilt, dass viele Typhus-Stämme dagegen resistent seien. Überhaupt war das das größte Problem: Grade durch den offenen Verkauf von Antibiotika gibt es viele Resistenzen, wir hatten also keine Ahnung, was wir nehmen sollten. Es ist natürlich auch zu spät, die Resistenz nach fünf Tagen am fehlenden Erfolg zu bemerken. Unser Doctore schickte uns dann zu einem weiteren Freund, dem Vertrauensarzt der deutschen Botschaft – und der behielt uns gleich in der Klinik. Wir haben noch schnell ein paar Sachen geholt und verbringen jetzt das Wochenende im Bett. Das ist schon unangenehm, gleichzeitig bekommen wir eine intravenöse Kombinationstherapie aus zwei Antibiotika; Salmonellen-knockout sozusagen. Sonntag abend [gestern, sind jetzt wieder in 'Freiheit'] ist dann das Antibiogramm fertig. Darüber wird ermittelt, welche Resistenzen bestehen. Dann bekommen wir noch 7-10 Tage Antibiotika in Tablettenform und sind danach hoffentlich Typhus-frei. Insgesamt ist die Variante wahrscheinlich die sinnvollste und sicherste.

Ach ja. Das hatte echt noch gefehlt. La Paz ist mittlerweile eine riesige Frustrationsquelle. Ich sehe die 6000er am Horizont, aber sie sind unerreichbar. Ebenso das gute Dutzend Tagestouren. Ich wollte zum Bergsteigen kommen und habe es nichtmal auf 5000 Meter geschafft, obwohl wir schon eine gefühlte Ewigkeit in der Stadt waren. Autoverkauf, Blockaden, Krankheit. Irgendetwas war immer im Weg. Das tut schon weh. Dabei wird einem das Bergsteigen wirklich einfach gemacht, da die Gebiete super erreichbar sind. Aber statt Grate und Gletscher gibt es jetzt Infusionen und Krankenhausessen. Aber es hätte auch schlimmer kommen können. Wenn wir unseren Doctore nicht gehabt und das Wochenende hätten verstreichen lassen, dann wäre unsere Reise wahrscheinlich hier beendet gewesen. Hoffentlich war das dann nicht nur die erste, sondern auch die einzige ernste Krankheitserfahrung hier.

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2 Responses to Typhus vs. Krankenhaus

  1. Malte says:

    Ihr habt aber wirklich Glück im Unglück. Gute Besserung euch beiden!

  2. Paddy says:

    Ouh weh, da habt ihr euch ja ganz schön was eingehandelt! Aber beruhigend, dass du dich einigermaßen auskennst mit den ganzen Mittelchen, ich hätte da blind vertrauen müssen… Ich drück die Daumen, dass ihr euch schnell erholt und noch die ein oder andere Tour schafft!
    lg Paddy

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