La Paz und der Huayna Potosi, 6088m

Seit dem letzten Mal ist etwas Zeit vergangen. Wir sind wieder gesund und haben eine zweite Diagnose, e.coli gastroentero invasiva. Allerdings bin ich skeptisch, da wir die Symptome eigentlich nicht hatten. Wie auch immer. Wir sind gesund und der Rest ist egal.

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus wollten wir die letzte Woche La Paz nutzen und endlich mal aus der Stadt rauskommen, um das Umland etwas zu erkunden. Die erste Tour sollte der Cerro Kinkillosa sein, der knapp über 5000 Meter hoch ist. Allerdings mussten wir die Besteigung abbrechen, nachdem wir keinen akzeptablen Aufstiegsweg fanden und irgendwie auch etwas demotiviert waren. Wir wurden dann von einem bolivianischen Drogenpolizisten zurück nach La Paz genommen, der mit dem BKA zusammenarbeitet und uns die Vorzüge von Koka erklärte.

Am Tag drauf hatten wir mehr Erfolg und Cora bekam ihren ersten Fünftausender, den wohl popeligsten der Welt (: 5006 Meter ragte der Cerro Satorno in den Himmel und gab eine nette Aussicht auf die Yungas. Eine hübsche Akklimatisationstour, aber kein Ersatz für meine ausgefallene Condoriri-Durchquerung. Dafür sollte ich meine Entschädigung ein paar Tage später bekommen: Der Huayna Potosi stand auf dem Programm.


Cora auf dem Weg zu ihrem ersten 5000er


der Friedhof von Milluni mit dem Huayna Potosi


Blick vom Basecamp

Der Huayna Potosi ist einer der dreizehn 6000er Boliviens und von La Paz aus kommt man schnell ins Base Camp auf 4700m. Da ich mich noch ziemlich platt fühlte, verbrachte ich einen zusätlichen Tag dort, bevor ich mit zwei Companeros aus der Schweiz und aus England sowie zwei Bergführern in das High Camp aufbrach. Ich wäre lieber unorganisiert gegangen, aber zum einen braucht es einen Seilschaftspartner, zum anderen das Equipment. Nächstes Mal bringe ich alles mit nach Bolivien… dann muss ich mich auch nicht mit endlos stumpfen Pickeln rumschlagen.
Das High Camp lag auf 5300 Meter. Wir kamen um etwa vier Uhr an, würgten etwas Nudeln runter und legten uns ins Bett. Nur schlafen konnte niemand… ein paar Stunden nach Ankunft begannen die ersten Kopfschmerzen. Letzten Endes schlief ich um elf Uhr ein und verbrachte eineinhalb unruhige Stunden, bis es um halb eins wieder aufstehen hieß. Zu kurz… viel zu kurz die Nacht. Beste Voraussetzung also für den Aufstieg. Immerhin konnte ich eine halbe Tafel Schokolade verknuspern und etwas Koka-Tee trinken (nein, Koka ist kein Kokain… nein, Koka ist nicht berauschend…). Eine Stunde später begannen wir den Aufstieg. Es war abartig kalt und ich freute mich doch über die steigeisenfesten Hartschalen-Stiefel, die wir bekommen hatten. Im Schneckentempo machten wir uns auf den Weg. Auf der Höhe geht es einfach nicht schneller und trotzdem war es richtig anstrengend. Wir wurden dafür mit einer wunderschönen Umgebung belohnt. Der Huayna Potosi ist ein Eis- und Schneeklotz und der Vollmond erhellte den Weg so sehr, dass wir auf unsere Headlights verzichten konnten. Tief unten im Amazonas-Basin konnte man die Wolken erkennen, nach einiger Zeit tauchte am Horizont das funkelnde Lichtermeer von La Paz und El Alto auf und über uns stand der wolkenlose Sternenhimmel. Der Aufstieg führte vorbei an gigantischen Spalten und wir gewannen schnell an Höhe. Aber es war brutal, irgendwann hatte ich das Gefühl, dass es nicht mehr ginge. Also nochmal Schokolade reindrücken, aber auf 5900m bekam ich selbst die nicht mehr runter und versprühte hustend schwarze Schokostückchen auf dem Eis. Trinken ging auch nicht mehr, da beide Flaschen im Rucksack zugefroren waren. Aber jetzt aufgeben wollte ich auch nicht mehr, also noch langsamer bis auf 6000 Meter hoch. Spätestens da hatte ich das Gefühl, dass keine Energie mehr in mir ist… bis ich den Grat sah, der endgültig auf den Gipfel führte. Ein schmaler, steiler und wunderschöner Grat. Links zweihundert Meter runter, rechts gute tausend. Ich habe keine Ahnung woher dieser Energieschub kam, aber nach zwanzig Minuten stand ich um kurz nach sechs auf dem Gipfel und war völlig fertig. Eisaxt in den Boden und erstmal setzen und alles wirken lassen. Um uns herum die ganze Cordillera Real, in der Ferne blinkte La Paz und hundert Kilometer entfernt spiegelte sich der Vollmond im silbernen Titicaca-See. Meine Mitstreiter kamen einige Minuten später nach und wir warteten auf dem Gipfel auf den Sonnenaufgang über den fernen Yungas.
Runter ging es dann schnell. Eine Stunde bis zum High Camp und nochmal eineinhalb bis zum Base Camp. Ich wollte nur noch weg aus der Höhe und wieder richtig atmen können, ohne das Gefühl zu haben, beim nächsten Schritt zu ersticken. Der Potosi ist ein wunderschöne Berg, aber so schnell bringt mich nichts mehr in die Höhe. Das nächste Mal Bolivien dann, in ein paar Jahren vielleicht.


Aufstieg zum High Camp…


…und Ausblick von eben diesem


die Lichter von El Alto…


…und der Vollmond über dem fernen Titicaca-See


der Gipfelgrat mit den ‘Nachzüglern’, im Hintergrund die Condoriri-Gruppe


Gipfelfoto…


…Igel hat es auch geschafft


Zeit zum Abstieg

Um zwei Uhr war ich wieder in La Paz und zu fertig, um noch was zu machen. Der Krankenhausaufenthalt hat uns einen großen Strich durch die Rechnung gemacht und mir die restliche Zeit genommen, die ich neben den Bergen noch durch La Paz geströmert wäre um zu fotografieren. Aber das habe ich am Ende sowieso aufgegeben: Diese Stadt einzufangen. Wir waren lange da und konnten die Stadt in uns aufnehmen. La Paz ist Chaos. Es ist laut, dreckig, stinkend und voll sprühendem Leben. Ich mag die Märkte (die Stadt IST ein einziger Markt, um genau zu sein), die Farben, die kleinen Stände mit frisch gepresstem Orangensaft, unsere italienische Stamm-Eisdiele, das morgendliche Api&Pastel-Frühstück, die Quirligkeit, das Spontane… da kann man auch über die bräunliche Smogglocke über der Stadt hinwegsehen, über die desaströse Infrastruktur, über die regelmäßigen Blockaden (hier wird nicht demonstriert, sondern blockiert) und die hässlichen Ecken der Stadt. Und natürlich ist es nicht ungefährlich. Dabei meine ich nicht unbedingt die Serie von Raubüberfällen, die vor allem falsche Taxis auf dem Weg nach El Alto betrifft, sondern vielmehr den Verkehr. Regeln gibt es hier gar keine mehr und wer später bremst hat gewonnen. Wobei das mit den Bremsen so eine Sache ist. Wenn man sich die Geräuschkulisse anhört, dann könnte man meinen, dass Bolivien ein Embargo für Bremsklötze- und Scheiben bekommen hat. An jedem Auto quietscht Metall auf Metall… nicht gesund.
Wie auch immer, ein paar Bilder gibt es trotzdem.


unser Standard-Frühstück: Pastel mit Api. Api ist der rot-weiße Saft, der aus gelbem und violettem Mais gemacht wird, während Pastel frittierter Teig mit Käsefüllung ist, auf den optimalerweise noch Puderzucker kommt (ja, das schmeckt wirklich)


Im Hintergrund der omnipräsente Illami, knapp 6500m hoch


nicht La Paz, aber kurz davor… schaut schön aus, befindet sich direkt unterhalb der Minen von Milluni…

Mittlerweile haben wir La Paz nach langem Wochen hinter uns gelassen und sind in Sucre angekommen. Wieder ein Vorteil von Rucksackreisen (wobei wir mit unseren 80 kg[!] Gepäck sicher nicht als Rucksackreisende durchgehen… mehr als Rucksack-Koffer-Taschen-Reisende. Aber das war ja auch nicht geplant), denn für die 720 Kilometer hätten wir sonst mindestens zwei Tage gebraucht. Jetzt waren es zwölf Stunden über Nacht. Uns hatte niemand erzählt, dass es in bolivianischen Bussen keine Decken und Kissen gab, aber das Pärchen hinter uns hatte Mitleid mit uns und gab uns eine ihrer Decken ab. In Sucre bleiben wir jetzt zwei Nächte, bevor es nach Potosi geht. Aber davon dann nächstes Mal.

This entry was posted in Uncategorized. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>