Sucre & Potosí

Ach ja. Kaum gesund, ist man wieder krank… Cora zumindest. Wieder Magen/Darm. Man kann hier echt nichts essen, was nicht frisch gekocht oder frittiert ist… aber da es mir gut geht, wissen wir diesmal, was es war. Also lieber abgepackte Kekse als Gebackenes.

In Sucre waren wir zwei Nächte in einem ganz netten Hostal. Ungewohnt, soviel Strom und WiFi. Die Stadt, eigentlich Hauptstadt von Bolivien, strahlt nicht grade sehr viel Metropolen-Flair aus. Dafür ist es angenehm entspannt. Das Klima ist mild und die Stadt ist sehr schön. Ein riesiger Unterschied zur Millionen-Metropole La Paz. Der einzige Hektik-Spot war gleichzeitig unser Lieblingsplatz, nämlich der Mercado Central. Ich liebe Märkte! Neben den üblichen Obst/Gemüse/Fleischorgien bekommt man dort auf der nächsten Etage günstiges Essen (Erdnusssuppe, großartig). Sucre ist neben Potosi eine der alten, ehemals reichen Kolonialstädte und das sieht man überall. Ähnlich wie Arequipa ist das Zentrum fast komplett in weiß gehalten. Außerdem sind dutzende Kirchen über die Stadt verteilt. Wir wollten uns einige anschauen, aber die meisten schienen eher Dekorationscharakter zu haben, was dazu führte, dass wir genau zwei von innen sahen.


Marktchaos


Sucre hat angeblich den besten Obstsalat Boliviens… und wir waren erst skeptisch, aber nachdem alles frisch vor uns zubereitet wurde, haben wir zugeschlagen (und wenigstens das nicht bereut)

Von Sucre fuhren wir weiter nach Potosi. Die Stadt ist geschichtsträchtiger als allgemein bekannt und insbesondere ist diese Geschichte für Europa von kaum zu überschätzender Bedeutung. Der Grund dafür heißt Cerro Rico (Reicher Berg) und überragt Potosi mit seinen 5000 Metern (wobei Potosi selber auf über 4000 liegt). Der Name wird zuhause kaum Assoziationen wachrufen, dabei ist der Reichtum, der aus diesem Berg gezogen wurde, ein Teil der Basis der europäischen (kapitalistischen) Entwicklung. Nachdem die Conquistadoren von dem Silber im Berg Wind bekamen, wurde 1545 die Stadt Potosi gegründet. Auf Grund der enormen Reichtümer, die aus dem Berg gezogen wurden, war die Stadt ein gutes Jahrhundert später bereits von 200.000 Personen besiedelt und war eine der größten und vor allem reichsten Städte der Welt. Letzteres manifestierte sich nicht nur in den über 80 Kirchen, sondern auch in einer Ansammlung von Prachtbauten, die jetzt zu großten Teilen langsam vor sich hin verfallen (was der Stadt Charme gibt). Das Silber, über 70.000 Tonnen, wurde fast ausschließlich nach Spanien gebracht, verteilte sich von dort in Europa und heizte die Wirtschaft an. Um 1800 versiegte dann die Silberquelle und Potosi stürzte langsam ab, hin zu der Stadt, die es heute ist. Mittlerweile wird kaum noch Silber gewonnen, den größten Anteil stellen wohl Zinn, Zink und Kupfer. Trotzdem wird der Berg unverdrossen weiter ausgehöhlt. In den Jahrhunderten der Zwangsarbeit – zuerst wurde die indigene Bevölkerung versklavt, dann wurden Sklaven aus Afrika geholt) starben mehrere Millionen Menschen am und im Berg – der Journalist Eduardo Galeano (Die offenen Adern Lateinamerikas) geht gar von 8 Millionen Toten aus… der Berg ist auf jeden Fall ein Massengrab.


Potosi mit dem Cerro Rico


seit sieben Jahren am renovieren


mein Lieblingsgebäude hier… wahrscheinlich schon lange verlassen

Heute muss nicht mehr versklavt werden, heute herrscht Selbstausbeutung. Die Minen werden jetzt von Kooperativen betrieben, die jedoch nur den Namen besitzen. Letztlich arbeitet jeder selbstverantwortlich und hofft, eine Ader zu finden und ein wenig Geld zu verdienen. Die Arbeitsbedingungen sind desaströs: Es gibt de facto keine Schutzvorrichtungen. Die meisten Mineros sterben in ihren Vierzigern an Lungenkrankheiten. Dafür gibt es ‘relativ’ viel Geld – zwischen 300 und 600 Euro im Monat, was weit mehr als der Durchschnittslohn ist.

Über die Kooperativen kann man die Minen betreten. Bevor es zum Berg geht, wird man zum Markt gefahren, um den Mineros etwas Koka und was zu trinken zu holen. Darüber hinaus gibt es auf dem Markt auch alle anderen Bergbauutensilien: Zum Beispiel Dynamitstangen, die man sich wie eine Packung Kekse kaufen kann. Und damit es richtig kracht, gibt es zu den Stangen Plastikbeutel mit kleinen Kügelchen: Nitroglycerin. Es ist unglaublich: Nitroglycerin ist sowohl feuer- als auch stoßempfindlich und jeder, der möchte, kann hier ein wenig damit rumspielen. Mein Chemiewissen brachte mich in sichere Entfernung und kurz darauf ging es hoch in die Mine. Die Mineros hatten frei – an dem Tag war große Fiesta, die in Lamaopferungen akkumulierte, doch dazu später. Die Mine selber gibt einem einen kleinen Einblick in den Wahnsinn, der in der Kolonialzeit herrschte. Mittlerweile gibt es wenigstens zuverlässiges Licht, Ventilation und mehr. Mich wundert nicht mehr, dass Millionen Menschen in diesem Berg umkamen. Es lebe das christliche Abendland mitsamt seiner verlogenen Leitkultur.

Nach zwei Stunden rumgestolper in verschieden großen Stollen (während denen ich in ein Loch fiel, was mir einen Verband ums Schienbein einbrachte) kamen wir wieder ans Tageslicht. Genau pünktlich: Opferungstime! Dazu muss ich etwas ausholen: Es ist wohl Tradition, dass einmal im Jahr ein Opfer an Pachamama (die Göttin der Erde) gebracht wird, eben in Form von Lamas. Diesen wird die Kehle durchgeschnitten und das Blut wird dann rund um den Mineneingang verspritzt. Nachdem wir Traditionen jetzt eher unnötig finden und Tiere lieber streicheln als ihnen mit durchschnittener Kehle beim Zucken zusehen, war das ziemlich uncool, sodass wir uns recht schnell entfernten. Neben den Mineros war auch ein gutes Dutzend Touris anwesend, die sich am Geschehen aufgeilten und versuchten, möglichst nah mit der Kamera dran zu kommen. Oh man. Für manches fehlen mir die Worte. Wir hatten auch entsprechend wenig Mitleid für die Amerikanerin, die sich zum Kotzen entschieden hatte. Außerdem wissen wir einmal mehr zu schätzen, auch auf diesem Fleischkontinent bisher ohne ausgekommen zu sein… was gar nicht mal so einfach ist. Vermutlich bekommen Kleinkinder hier statt der Flasche etwas ausgelassenen Speck zum Abend.

Irgendwie wurde der Tag dann auch nicht soviel besser: Beim Spaziergang über den Markt konnten wir dann noch einem Ochsenkopf dabei beobachten, wie er seine Haut loswurde. Köstlich. Die Märkte sind ja schön, aber auf Pferdemäuler, Schweinebeine, Ochsenköpfe, Lunge und Fleischgestank hätten wir gerne verzichtet.

Morgen geht es dann hoffentlich endlich weiter nach Uyuni – nachdem wir die Fahrt heute verschieben mussten. Von Uyuni fahren wir dann organisiert vier Tage durch den Südwesten Boliviens und schauen uns den Salar und die zahlreichen Vulkane, Geysire und Lagunen an. Wir enden dann in Tupiza, von wo aus wir mit dem Nachtbus nach Tarija fahren, von wo aus wir mit dem Nachtbus nach Villamontes fahren, von wo aus wir mit dem Nachtbus nach Ascuncion in Paraguay fahren, von wo aus wir dann hoffentlich nach Iguazu an der Grenze von Brasilien und Argentinien fahren. Eine kleine Odyssee also… mal schauen, von wo aus wir uns wieder melden können.

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