Von Tupiza nach Asuncion

Unsere Odyssee hat fürs erste ein Ende: Wir sind in Asuncion angekommen und haben Bolivien endgültig hinter uns gelassen. Seit Tupiza haben wir 1500 Kilometer zurück gelegt und sind froh, ein paar Tage Pause zu haben.

Tupiza ist eine angenehm entspannte Stadt. Wir machten zwei kleine Touren, die erste auf einen der ‘Hausberge’, die zweite in einen Canyon vor der Stadt. Allerdings waren wir eher lauffaul, sodass wir die meiste Zeit im Canyon saßen und die Umgebung beobachteten: Lamaherde, Kuhherde, Ziegenherde. Bei letzterer blieb eine Ziege im ausgetrockneten Flußbett liegen und wir fragten uns, ob sie ein Kind bekommt oder stirbt… es war ersteres. Nachmittags besuchten wir in der ausgestorbenen (Sonntag) Stadt noch die lokale Eisdiele und ließen uns für umgerechnet 3€ einen großen Eisbecher, einen Milchshake, einen Donut und ein Dulce-Hörnchen raus… omnomnom.

Von Tupiza nahmen wir den Nachtbus nach Tarija. Die 200km Fahrt dorthin dauert 7-8 Stunden und es gibt keine Tagbusse… args. Vielleicht ist es tagsüber zu gruselig, denn die Strecke soll sehr ausgesetzt und steil sein. Alles Schotter, versteht sich. Der Bus war sensationell ungemütlich und ich machte kaum ein Auge zu. Nach der obligatorischen Panne mitten in der Nacht (der Motor wollte nicht mehr) kamen wir um halb fünf in Tarija an, nahmen die erstbeste Unterkunft und schliefen erstmal noch ein paar Stunden. Danach machten wir uns auf in die Stadt und genossen nochmal die bolivianischen Annehmlichkeiten: Pastel und Milchkaffee am Zentralmarkt, frisch gepresster Orangensaft am Hauptplatz, vegetarisches Mittagsmenü (das hätten wir hier nicht erwartet, aber ab und zu gibt es doch reine Vegeratier-Restaurants mit erstaunlich viel Zulauf) und Donuts sowie köstliche Käse-Zwiebel-Empanadas vom Bäcker. Nachmittags dann dösen und Fußball schauen (Irland-Italien, grottig), bevor der nächste Nachtbus nach Villamontes anstand. Eigentlich gibt es laut sämtlichen Busgesellschaften keine Semi-Cama-Busse nach Villamontes (Semi-Cama sind die Busse mit rückklappbarer Lehne, also gemütlicher als die normalen… Cama sind dann die, in denen man die Lehne noch weiter zurückklappen kann und theoretisch schräg liegen sollte), wir fanden trotzdem einen. Seltsames Land. Wir bekamen sogar die besten Plätze: Genau oben vor dem Fenster. Das schaut dann so aus, dass man einsteigt, die Treppe hochläuft und sich genau vor der riesigen Scheibe niederlässt. Es war außerordentlich bequem und wir konnten sehen, dass wir nichts sehen und dass der Fahrer mehr oder weniger blind im Nebel die Berge über die kurvige Schotterpiste überquert hat. Mit maximaler Geschwindigkeit, versteht sich. Auch hier ging es mit Schlafen nicht so, aber wir kamen sowieso um zwei Uhr nachts in Villamontes an. Natürlich nicht am Terminal, sondern wir wurden mitten im Nichts an einem Kreisel ausgesetzt, da der Bus weiter nch Santa Cruz fuhr. Das war dann also der Nachteil des Semi-Cama. Aber wir hatten Glück und es kam gleich ein Taxi, das uns für viel zu viel Geld zum Terminal brachte. Dort hatten wir noch mehr Glück: Der Bus nach Asuncion war noch nicht da und es gab noch Platz für uns. Also nur 20 Minuten warten und dann in den nächsten Bus. Der spuckte uns um vier Uhr vor der bolivianischen Grenzstation aus… sieben Stunden später (!) kamen wir an die paraguayanische. Dazwischen: Hunderte Kilometer Niemandsland. Die Trans-Chaco-Straße führt, wie der Name schon sagt, durch das Chaco und geht auf der Karte fast tausend Kilometer geradeaus.

An der paraguayanischen Migracion wurden erstmal unsere Koffer durchwühlt. Dafür ließen sie bei uns den chemischen Kokain-Test mittels zwei Lösungen aus, die sich bei Kokainkontakt blau verfärben. Anschließend ging es immer und immer weiter geradeaus. Zunächst undurchdringlich und mit Kakteen, kleinen Bäumen und Gestrüpp überwuchert, lockerte sich die Landschaft nach einigen hundert Kilometern auf und machte weiten Grasebenen Platz – Brandrodung sei dank. Hier wächst nicht viel mehr als ein paar Palmen und Rinderherden. Über Paraguay hing eine dicke graue Wolkendecke und genau so kam mir das Land auch vor. Grün, nass, schwer. Und bitterarm. Ich dachte Bolivien wäre das Armenhaus Südamerikas, aber was wir hier passieren schaut schlimmer aus. Einfache Bretterverschläge, in denen das Wasser steht. Paraguay ist ein Musterbeispiel kapitalistischer Entwicklung: Das Land hat genug zu bieten um alle zu ernähren, doch in der Realität ist der Landbesitz konzentriert und die vertriebenen Campesinos (Kleinbauern) strömen in die Elendsviertel der Hauptstadt, um dort ihr Glück zu versuchen. Aber Hauptsache, es gibt billiges Soja für unsere Schweine und Kühe zuhause.

Gegen abend kamen wir in der Hauptstadt an, mit 26 Stunden Busfahrt in den Beinen. Danach folgte noch eine irrsinnig teure Taxifahrt… mit Taximeter. Irgendwas läuft hier falsch, denn das Hotel war kaum teurer. Wenn wir weiter nach Encarnacion fahren, dann gehts mit dem Bus zum Terminal, egal wie kompliziert das mit dem ganzen Gepäck ist.
Jetzt sind wir also in Asuncion und nach der ersten Nacht zeigten sich die Folgen der Busfahrt: Alles tut weh und wir sind unglaublich müde. Die Stadt selber ist… ja. Was eigentlich? Der größte Abfuck Südamerikas? Könnte hinkommen. Es ist anders als La Paz oder andere Städte Boliviens, die zwar chaotisch und relativ hässlich waren, aber dabei noch gepflegt aussahen. Asuncion ist anders. Auf den ersten Blick schaut die Stadt entwickelt aus und auf den zweiten unfassbar heruntergekommen. Vielleicht macht es das Klima, im Sommer ist es hier brütend heiß. Das würde erklären, warum die Häuserwände jede erdenkliche Schimmelfarbe angenommen haben. Venedig wird im Wasser versinken, Asuncion im Schimmel. Lustigerweise haben wir gestern abend Brot gekauft und es ist tatsächlich innerhalb von einem Tag geschimmelt. Davon abgesehen ist die Stadt aber in Ordnung. Es gibt wieder Supermärkte – was für ein Luxus! Dafür vermissen wir die unzähligen kleinen Straßenstände Boliviens. Irgendwie ist die Welt wieder ein wenig steriler geworden. Vom Schimmel abgesehen, haha. Schön sind dafür die unzähligen Bäume in der Stadt. Es ist tatsächlich eine der grünsten, die wir gesehen haben auf unserer Reise. Dicke, saftige Orangen hängen von den Bäumen der Innenstadt.

Nach einem Spaziergang durch das Zentrum gingen wir noch ins Museo de la Memoria, einem ehemaligen Foltergebäude der paraguayanischen Polizei unter der Diktatur von Strössner. Die aufmerksame Leserschaft wird jetzt vielleicht aufhorchen: Gab es das nicht schon in Argentinien und Chile? Ja, gab es. Genau wie in Brasilien, Bolivien, Peru, Uruguay… Die Neue Geschichte Südamerikas ist die Geschichte von Unterdrückung und rechtem Terror. Und mitten drin, immer und immer wieder, die Vereinigten Staaten von Amerika, Hüter der sogenannten Freiheit. Dass diese Freiheit Folter, Erschiessungskommandos, verschwundene Personen und das Ausschalten jeglicher Opposition bedeutete – wen stört das, solange der freie Markt aufrecht erhalten wurde. Denn genau darum geht es, auch wenn es populistisch klingt, aber das Gerede von Südamerika als dem Hinterhof der Vereinigten Staaten hat seinen Grund. Die Hüter der Freiheit haben nichts unversucht gelassen, um jegliche linke Politik von diesem Kontinent zu verbannen – nachdem sie erfolgreich den Kommunismus im eigenen Land ausgerotten hatten. Und wenn mit Embargos oder wirtschaftlichem und politischem Druck nichts gewonnen werden konnte, dann eben mit Bomben. Es ist in fast jedem Land das gleiche, jede Militärdiktatur, jeder rechtskonservative Putsch wurde von den USA materiell und logistisch unterstützt und gefördert. Pinochets Terrorregime in Chile hatten wir schon, Strössner in Paraguay noch nicht. Ein schönes Beispiel: Bevor die Repression richtig startete, wurde paraguayanischen Polizisten in den Staaten das Foltern beigebracht. Und das sind keine Spekulationen, die Unterlagen wurden Anfang der 90er gefunden und seitdem ausgewertet. Und was da schönes gelehrt wurde: Finger- und Fußnägel ausreißen, Elektroschocks, Verbrennungen mit Lötkolben, Waterbording (und der Blick nach Afghanistan zeigt, dass das keine Vergangenheit ist!). Die Verwandten bekamen die Folter teilweise per Telefon oder blutverschmierten Brief mit. Übrigens wurde Folterwissen nicht nur aus den USA exportiert, sondern ebenso aus Frankreich (die ‘Französische Doktrin’, ursprünglich aus dem Algerienkrieg).
Interessierte können sich ja in die ‘Operation Kondor’ und die Rolle der USA reinlesen… aufgedeckt wurde dieser Zusammenschluss übrigens erst 1992 in Asuncion, als Martin Almada, der selber in dem Haus gefoltert wurde, das heute das Museum ist, die sogenannten Terrorarchive entdeckte.
Das Museum reihte sich ein in die schockierenden Plätze Argentiniens und Chiles. Bezeichnenderweise interessiert sich hier kein Mensch dafür. Wir haben etwas mit dem Museumsleiter geredet, dessen Familie auch verfolgt wurde und nach Argentinien ins Exil fliehen musste. Er meinte, dass es in Südamerika keine Erinnerungs-, dafür eine Verdrängungskultur gibt. Es gibt kaum Aufarbeitung – am meisten wahrscheinlich noch in Chile, aber in Brasilien fehlt sie beispielsweise komplett. Ein wenig erinnert es an das postfaschistische Deutschland. Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.

[...]

Zur Feier des Tages waren wir heute erst im botanischen Garten, dann im eingegliederten Zoo – eine traurige Angelegenheit und ich weiß wieder, warum ich Zoos eher nicht so toll finde. Arme kleine Tiere. Lustig war hingegen das Naturhistorische Museum, das einen Raum als Gruselkabinett ausgestattet hat: deformierte Schweineföten, gehäutete Schlangen, siamesische Kälber, ein Walauge… interessant, was sich so ansammelt in Paraguay.

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